Vom Rückwärtsgehen.
Erste Eindrücke aus dem seit 50 Jahren kältesten Dezember-Beijing.

Mit acht Grad unter Null – oder wie die Chinesen sagen: unter null acht Grad – hatte ich bei meiner Ankunft nicht gerechnet. Aber Winter ist Winter, und dass meine langen Unterhosen im Koffer verstaut waren, interessierte hier niemand. Abgeholt werden, das war jedenfalls prima. Auch wenn der Flieger eine Stunde Verspätung hatte. Auch wenn meine Freundin sich beim Warten auf eine Krücke stützen musste (nachdem ein Motorrad sie überrollt hatte – „aber hab’ keine Sorge, nicht so schlimm“, hatte sie mir beruhigend vor meiner Abreise gesagt). Also saß ich dann schließlich in einem überheizten Auto, das mich direkt zur Uni bringen sollte, um dort … ja was eigentlich? Eben hatte ich noch leicht übermüdet von der sehr angenehmen Herreise erzählt, als plötzlich das Auto anhielt und meine chinesische Familie aus dem Auto stürzte, das mit laufendem Motor mitten auf der Straße stand. Aha, registrierte ich wegen der ums Auto herumkurvenden zahlreichen jungen Menschen, an der Uni angekommen. Meine Familie wusste ebenso wenig wie ich, wo ich hier eigentlich hingehörte. Und deshalb rannten sie in die verschiedenen Himmelsrichtungen, um jemanden einzufangen, der sich hier auskannte. Suchwort: „weißes Gebäude“ (bái lóu 白楼) – dort hatte ich mich (ohne es so richtig zu wissen) eingemietet.
Nicht zur Auskunft zu bewegen war eine besonders dick eingemummelte Dame, die – mit leicht rudernden Armen, ansonsten aber überaus sicheren Schrittes – langsam, doch unaufhaltsam rückwärts an unserem Auto vorbeirollte. Wie ein kleiner Panzer in rosa Plüschkaputze strebte sie dem Ausgangstor zu, das sie wegen ihrer umgekehrten Laufrichtung zwar nicht sehen, sicherlich jedoch nicht verpassen würde. Während meine Familie also ausgeschwärmt war, um andere nach dem Weg für mich zu fragen, hatte ich eine kleine Verschnaufpause, um mir über das Rückwärtsgehen eigene Gedanken zu machen. Ich werde solche Verkehrtherum-Geher noch häufig treffen, denn sie bewegen sich überaus gesund: Nach dem chinesischen Prinzip des Erreichens von Vollkommenheit durch Zusammenfügung von Gegensätzen, die sich zur Ganzheit verbinden (Yīn-Yáng, 阴阳), ist es der Gesundheit sehr zuträglich, nicht nur vorwärts, sondern zum Ausgleich auch einmal rückwärts zu gehen. Hierbei sei an das Telefonkabel erinnert, das sich über die Zeit entsetzlich verknuddelt hat und nur wieder glücklich-geschmeidig wird, wenn man den Telefonhörer einfach einmal baumeln lässt – denn dann findet langsam, langsam die Linksdrehung zurück zur Rechtsdrehung und schließlich in den Zustand temporären Friedens … alles wieder im Lot.
Der Schritt an die Uni ist für mich allerdings nur ein scheinbarer Schritt rückwärts, in jedem Fall einer zu mehr Ganzheit. Darüber demnächst mehr.
zài jiàn 再见 (auf Wiedersehen).
Wèi 魏(so heiße ich hier) aus Bĕijīng 北京.
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