Glück ist: Finden ohne zu suchen.
Serendipity in China.

Im alten Königreich von Ceylon, das jetzt Sri Lanka heisst und kein Königreich mehr ist, aber ganz, ganz früh einmal Serendip hieß, lebte der König mit seinen drei Söhnen so lange glücklich und zufrieden, bis die drei herumquengelten, dass sie mal woanders frühstücken wollten. Und so schickte der alte König die Prinzen in die Welt. Damit die Jungs aber die Zeit nicht vergeudeten und das für ihre Erziehung aufgewändete Geld wieder zum Teil ins Staassäckel zurückflösse, gab er ihnen ein paar Aufgaben zur Erledigung mit. Die drei zogen also los, die Zeit verging – und als sie, älter und weiser geworden, nach Serendip zurückkehrten, hatten sie alles Mögliche erledigt, bloss nichts von ihren eigentlichen Aufgaben – statt dessen hatten sie viel entdeckt, das zu entdecken sie nicht vorgehabt hatten.
Auf diese hübsche Geschichte stieß der englische Schriftsteller Horace Walpole, und er schrieb am 18. Januar 1754 an einen Freund: "So eine Entdeckung, welche sich nebenbei ergibt, möchte ich also 'Serendipity' nennen. Wahrlich, ein äußerst ausdrucksvolles Wort." Auf diese Begebenheit stieß ich im Internet, als ich auf der Suche nach der Geschichte des Prinzen Dorgon war (der als Prinzregent und Feldherr in der Mitte des 17. Jahrhunderts den Grundstein für die Qing-Dynastie in China legte, die die Ming-Kaiser ablöste – aber das ist eine andere Geschichte, die will woanders erzählt werden ...). So jedenfalls fand ich rein zufällig und ohne jegliche Zielstrebigkeit (was ja in der Natur seiner Sache liegt): das Prinzip von Serendipity. Bei der Rückschau auf mein China-Jahr, der ich mich naturgemäss jetzt zuwende, fand ich Serendipity-Überraschungen zu Hauf. Um wieviel ärmer wäre ich ohne diese Zufälle gewesen. Von zweien möchte ich hier erzählen.
Ich bin auf den Besuch der berühmten Marco-Polo-Brücke eingerichtet und sitze im altmodischen Doppeldeckerbus Nr. 7, der mich schnell aus der Beijinger Innenstadt hinausbringt. Die Brücke heisst auf chinesisch Lúgōuqiáo 卢沟桥,Brücke über den Lu-Graben. Wir haben sie nach dem genannt, der sie uns über seine Reiseerzählungen bekannt gemacht hat. Die Chinesen erinnert sie an den 7.7. Gemeint ist der 7. Juli 1937, als hier ein Schusswechsel zwischen chinesischen und japanischen Soldaten den Beginn des japanischen Grossangriffs auf Beijing initiierte. Dass hinter der hübschen Steinbrücke, mit ihren Hunderten von Löwenstatuetten über einen Fluss gebaut, der jetzt ausgetrocknet ist, so dass das kleine Holzboot unter dem Brückenbogen friedlich im Grünen schlummert, eine richtige kleine Stadt mit einer intakten Stadtmauer liegt, war eine feine Überraschung. Beijing besitzt nur noch Reste seiner alten Stadtumgrenzung, wenn auch imposant und von einigen überlebenden Wachtürmen beschützt. Doch hier, zwar heute zum Verwaltungsgebiet von Beijing gehörend, aber noch vor wenigen Jahrzehnten jenseits seiner Stadtmauer gelegen, fand ich Wănpīng 宛平 in der Nachmittagssonne. Ich bin auf der Mauer einmal im Quadrat gelaufen, habe in einen Schulhof voller Dattelbäume und kreischender Kinder geguckt, die apfelsinenfarbenen Kürbisse auf den roten Dächern betrachtet und ein großes Loch in der Mauer gefunden: Das, so belehrt mich ein Hinweisschild, sei durch ein japanisches Geschoss verursacht worden, am 7.7. Die Nachmittagssonne scheint immer noch, auf dem Schulhof ist es inzwischen still geworden, und gleich ist mein Mauerspaziergang beendet. Ich habe unbeabsichtigt eine Lektion in chinesischer Geschichte erhalten.
Ich hatte mir vorgestellt, im Laufe meines chinesischen Jahres ein Plätzchen der Ruhe und des Friedens in einem Tempel zu finden, und war nicht vorbereitet, auf der grössten Baustelle der Welt zu wohnen, die auch Gotteshäuser, Tempel, Moscheen, Klöster umfassen würde. Hinter den roten, grauen und gelben Mauern der Heimstätten für Buddha, die christliche Dreifaltigkeit, den Jadekaiser und Allah wird genau so gebohrt und gehämmert wie vor meiner Haustür. Das stille Plätzchen finde ich am Bābăoshān 八宝山, dem Acht-Schätze-Berg im Westen der Stadt. Dort liegt der riesige Friedhof, der nur zum chinesischen Totensonntag, dem Qīng-Míng-Fest (清明节) im 3. Mondmonat (also im April, nach unserem Kalender), von vielen Chinesen besucht wird. So aber, in der herbstlich warmen Nachmittagssonne, bin ich allein auf meiner grünen Bank. Endlich Ruhe. Endlich Leere im Kopf. Und dann Nachdenken über die gerade gemachte Entdeckung: Mein chinesischer Name Wèi魏 steht an einem einzigen Grab, in Rot, etwas ungelenk an den Rand des Betonsteins gepinselt; das kommt meiner chinesischen Unterschrift sehr nahe. Ich habe zunächst nicht Ausschau gehalten nach Namen, sondern nur festgestellt, dass alle Grabsteine ausschliesslich mit chinesischen Zeichen beschriftet sind, sogar die Jahreszahlen - mit einer Ausnahme. Da steht: "1930–1959余德瑾同志墓", also: "1930-1959 Grab von Genossin Yú Dé Jĭn". Und plötzlich finde ich nebenan meinen Namen, mit vielen Wangs, Lius, Changs und Zhangs drumherum, aber keinem weiteren Wei. Für einen verwirrenden Moment habe ich den Eindruck, dass etwas von mir hier auf mich gewartet hat. Dass ich schon da bin, bevor ich ankomme. Und dass ich hier noch sehr lange sein werde, nachdem ich gegangen bin. O, ewich is so lanck. Und immer noch scheint die Nachmittagssonne.
Es bietet sich vielleicht bald eine ungesuchte, aber doch gefundene Gelegenheit, Ihnen/euch weiterhin monatliche Berichte aus Asien zu bescheren, wenn auch vorläufig nicht mehr aus China (nur Geduld – o, ewich is so lanck). Merke: Du sollst dich oft verlaufen, auf die Vogelstimmen hören, die kleinen Wunder einfangen und in der Speisekarte das Unbekannte auswählen – und schon macht dein kleines Herz einen Sprung und die Welt dreht sich für dich um ein Viertelgrad in eine andere Richtung. Und du kommst zurück nach Serendip, voller Überraschungen.
zai jian.
Wei aus Beijing.
13. Oktober 2006
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