Auf den Hund gekommen

Februar 2006

Auf den Hund gekommen.
Tierfreundliche Beobachtungen.





Endlich kann sich das Huhn wieder dem Eierlegen widmen und der Hahn auf seinen Misthaufen zurückkehren. Denn ab sofort fällt die Aufgabe des Jahreswerbeträgertieres dem Hund zu. Am 29. Januar 2006 begann in China mit dem Frühlingsfest das Jahr des Hundes. Jetzt wird gebellt und nicht mehr gegackert.

Wenn ich an "Hund" denke, habe ich ein Exemplar "deutscher Polizei-Schäferhund" vor dem inneren Auge. Es erübrigt sich, an dieser Stelle auf meine Hundefreundschaften einzugehen. Jedenfalls konnte ich heute bei einem Spaziergang am Zoo das bewundern, was ein Hunde-Ideal für den Chinesen ist. Da stehen am Eingang des ältesten chinesischen Tierparks (von1879) rechts und links zwei "Figurengruppen" (könnte man sagen), ca. zwei Meter hoch und aus dezent-buntem Plastik: die Inkarnation der chinesischen Hundefamilie, Papa, Mama und zwei lütte Pekinesen. Jawohl, wer hätte das gedacht – die kleinen Plattnasen mit mehr oder weniger Lockenhaar sind derzeit absolut trendy, vorzugsweise in Wollweiß oder Braun-Weiß-Scheckig. Die Zoo-Kunststoff-Skulpturen von mäßiger Kunstfertigkeit werden eifrig für Menschenfamilien-Fotos genutzt: "Liebe Tante, hier ein Foto von uns bei unserem Hauptstadtbesuch, diesmal nicht auf der chinesischen Mauer, sondern ..."

Dass der Peking-Mensch dem Berliner (bzw. Brandenburger) in seiner Hundeliebe in nichts nachsteht, fiel mir sogleich auf, nachdem ich mein Domizil im Studentenwohnheim bezogen hatte. Dort pfiff der Nordwind so heftig durch die Fenster, dass ich mich mit einem breiten Klebeband bewaffnet auf den klapprigen Schreibtischstuhl begab und an den Scheiben zu schaffen machte. Vom Stuhl aus gewährte mir das Zimmerchen im 4. Stock einen hübschen Ausblick auf eine Mini-Rasenanlage, die – wie ich bald bemerkte - sowohl von älteren Herrschaften für Taiji-Übungen als auch von noch älteren Herrschaften zum Hundeauslauf genutzt wird. Die allseits bekannte chinesische Harmoniebedürftigkeit scheint sich auf die Vierbeiner übertragen zu haben, denn sportlernde Senioren und gassigehende Mensch-Tier-Gespanne kommen sich nicht in die Quere.

Was ich allerdings viel erstaunlicher finde als die friedliche Koexistenz von Mensch und Tier, ist die sich mir darbietende Hundemode: Nicht nur "angezogen", sondern "fesch angezogen" ist der Hund. Wie gesagt, sind wollweißen Vierbeiner hoch im Kurs. Und zu weiß passt ja bunt ganz ausgezeichnet. Was trägt also der modische Hund zur Zeit? Strampelanzug in Rot-Grün-Blau-Gelb, gern auch seitlich geknöpft und von Mutti handgestrickt. Im Dezember konnte ich auch das Modell "Weihnachtsmann" (mit Bommelmütze!) erspähen. Es gelang mir sogar vor kurzem, denselben Hund in seinem roten Anzug zu fotografieren, leider war die Mütze da schon verlustig gegangen. Wie die Kleinkinder hat auch der Wauwi "hinten" einen Schlitz im Kleid. "Schnellschuss-Hose" heißt das, und es ist absolut wörtlich zu verstehen.

Ansonsten ist der hiesige Hund total friedlich. Er soll dem chinesischen Mond-Jahr (29. Januar 2006 bis 17. Februar 2007) mit seinen guten Eigenschaften viel Glück bringen, denn er ist verantwortungsbewusst, aufmerksam und sehr geduldig. Allerdings zeichnet er sich auch durch einen Hang zur Freigiebigkeit aus. Ich will bloß hoffen, dass er dabei nicht auf meinen Geldbeutel spekuliert.

zai jian.
Wei aus Beijing.
21. Januar 2006

© Mimi Productions
秘密出品