Schulalltag

April 2006.

Schulalltag.
Erstes Semester an der Bei Wai.





Die Beijinger Universität für Fremdsprachen, abgekürzt "Bĕi Waì" 北外 ("Bĕi" für "Beijing" und "Wài" für Fremdsprachen) ist die renommierteste Hochschule für das Erlernen von Sprachen in der Volksrepublik China. Hier können die 4.500 chinesischen Studenten zwischen 31 Fremdsprachen wählen (u.a. Albanisch, Bulgarisch, Burmesisch, Khmer, Polnisch und Singhalesisch) und die 500 Ausländer Chinesisch (vor allem Mandarin, d.h. Hochchinesisch) lernen. Die Uni beschäftigt 540 Dozenten/Professoren und hat - wie alles in China - eine "lange Geschichte", worauf die Chinesen stolz sind. Aber im Vergleich zu der sonstigen 4.000jährigen Geschichte ist die Bei Wai quasi ein Kleinstkind. Sie wurde 1941 zur sprachlichen Ausbildung der Diplomaten noch in Yan'an, dem Hauptsitz der Kommunistischen Partei in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, gegründet und kurz nach Gründung der Volksrepublik 1949 in die Hauptstadt verlegt.

Das didaktische Konzept ist für westliche Menschen wie mich allerdings reichlich gewöhnungsbedürftig. Der Lehrer liest vor, die Klasse wiederholt, bis die Bücher zugeklappt werden und der für mich schwierigste Part beginnt: das auswendige Aufsagen. Wer mit katholischen Riten vertraut ist, dem wird das Vorsprechen und Nachbeten kaum Probleme bereiten, wenn es auch manchmal unerwünschte Nebenwirkungen produziert. Ist erst einmal der Akzent des Lehrers fest verankert (und ich bin heilfroh, dass mein Lehrer aus Beijing und nicht Guangzhou kommt), gibt es kein Zurück mehr. Das Lokalkolorit bleibt erhalten bis zum Löschen der gesamten Festplatte, i.e. bis zur Einäscherung. Ich werde also niemandem sagen müssen, wo ich meine wunderbare Aussprache gelernt habe – in der Hauptstadt natürlich, die berüchtigt dafür ist, an alles mögliche ein amerikanisch gerrrrolltes R anzuhängen. (Exkurs: Es sind die Japaner, die kein R sprechen können!)

Natürlich probiere ich mein Chinesisch nach dem Unterricht gezielt an Freiwilligen aus. Mein Lernpartner ist 18 und hat den schönen Namen "Ā Wèi" 阿维, was soviel heisst wie "A der Bewahrende". Bei mir bewahrt er in erster Linie die Contenance. So zuckt er mit keiner Wimper, wenn ich aus einer "Frage" 问 (wèn, 4. Ton) einen "Kuss" 吻 (wĕn, 3. Ton) mache. Aber er lässt mir den faux pas nicht durchgehen. Und so sitze ich denn da und wiederhole ein "wen" in allen Tonlagen, bis mein jugendlicher Nachhilfelehrer zufrieden mit mir ist. Er weiss auch, dass ich mich notfalls an ihm rächen kann – denn nach einer Stunde Chinesisch bastele ich an seiner englischen Aussprache herum. (Die übrigens – inklusive der leichten amerikanischen Färbung – ziemlich passabel ist. Der arme Kerl muss sein Lehrbuch über englische, irische und amerikanische Geschichte und Kultur auswendig lernen – ja ehrlich, einfach mal so 500 Seiten!)

Schreiben ist nicht unbedingt einfacher für mich. Besonders quälend finde ich "Schreiben nach Diktat". Während ich noch über die ersten Wörter nachdenke (war da nun ein Wasserradikal drin oder ein Herzradikal? und wo kommt der Punkt und wo der Querstrich hin?), ist der zweite Satz von meinen japanischen Mitschülern schon aufs Papier gemalt. Auch bei A Wei geht ohne Schreiben rein gar nix. Eine nur kurze Frage meinerseits erzeugt ein eifriges Gekritzel seinerseits. So erhielt ich von ihm auf eine dahingeworfene Bemerkung über die Bedeutung der chinesischen Geschichte (sehr, sehr wichtig!) flächendeckend alle Dynastien bis zum Ende des chinesischen Kaiserreiches 1911 und sämtliche Feiertage der Volksrepublik (auch solche, die aus politischen Gründen nicht mehr "so" gefeiert werden wie z.B. Maos Geburtstag) auf einem DINA A7-Zettel (beidseitig beschrieben). Leider hatte A Wei in seiner Begeisterung vergessen, den Bleistift während des Schreibanfalls anzuspitzen. Ich bin daher nicht mehr so sicher, ob ich die Westliche Han-Dynastie (206 v.Chr. – 24 n.Chr.) und die Östliche Han-Dynastie (25 – 220 n.Chr.) auf dem Zettelchen werde unterscheiden können. Aber ein Kunstwerk ist es allemal!

zai jian.
Wei aus Beijing.
2. April 2006

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秘密出