Horror vacui

September 2006.

Horror vacui.
Wenn die Urlaubsfotos verlöschen.





Weg ist weg, und ich kann niemandem zeigen, wie sich Sūzhōu 苏州und Hángzhōu 杭州 im östlichen China durch meine Kameralinse ansehen. Mein "erster Urlaub" in China ist optisch inexistent (denke ich) – für ein Augentierchen wie mich ein wahres Drama. Wer löst das digitale Verschwinde-Rätsel, verursacht durch einen mysteriösen Fotochip der Firma Kingston ("Made in Taiwan" – ob das hier von Bedeutung ist ...)? Nicht nur ließ der Chip die auf ihm gespeicherte Urlaubswelt bei der Übertragung auf die Festplatte ins digitale Garnichts verschwinden, er nahm gleich noch ein paar der anderen China-Fotos mit, obwohl er mit denen nix zu tun hatte, denn sie waren bereits auf meinem Computer gespeichert. Da stehe ich mit gesenktem Haupt abbitteleistend vor meiner kiloschweren Leica (die ich zugunsten des Digi-Leichtgewichts zu Hause in Beijing gelassen hatte) und kämpfe mit den Tränen wie ein vierjähriger Trotzkopf, der seine Bonbons in den Gully hat fallen lassen. Aber Würde-hätte-sollte ist alles für geschenkt. Die Wasser- und Gartenstädte, die ich während meiner vierwöchigen Reise so ins (fotografische) Herz geschlossen habe, sind Tausende von Jahren gemalt, bedichtet und schließlich auch fotografiert worden, die Essenz ihrer Schönheit überlebte Bürgerkriege, Naturkatastrophen und Moderni-sierungskampagnen. Und so werden sie mir irgendwann – vielleicht mit einer Memory Card aus der Volksrepublik China – mehr Glück als Hobbyfotografin gewähren. Schluck. Angeblich ist ja das Herz ohnehin die beste Kamera, die Erinnerung macht alles um so schöner. Trotzdem: Ich möchte die kleinen optischen Highlights, die nicht in den käuflich zu erwerbenden Bildbänden abgedruckt sind, zeigen und nicht nur beschreiben:

In der kleinen Gasse am trauerweidenüberschatteten Kanal stehen sie vor den Hauseingängen und trocknen in der Sonne dem abendlichen Geschäft entgegen. In Suzhou sind die Nachtöpfe majestätisch groß familiengerecht, aus stabilem Holz, rostrot oder dunkelbraun, mit Deckel und Tragehenkel ausgestattet. Wer sie nicht kennt, weiß nicht um ihre Aufgabe und hält sie womöglich für Gurkenfässchen. Das moderne Suzhou mag sie verleugnen und sich ihrer durch eifrige Neubautätigkeit entledigen. Aber es gibt sie noch. Fremder, wenn du nach Suzhou kommst, geh an der Nordpagode und dem Garten des Bescheidenen Beamten (!) vorbei nach Osten – am Stadtgraben wirst du die alten weißen Häuser mit den grauen Dachziegeln und geschwungenen Dächern finden, wo im Sommer die Kürbispflanzen gelbe Blüten treiben und sich hinaufwinden neben der Haustür und wo die alten Leute auf der Straße in kleinen Stühlchen hocken und beim Kartenspiel über dies und das philosophieren, während sich die Nachbarin nebenan die Haare in einem Eimer wäscht und ihr kleiner Sohn auf seinem Plastikdreirad seine Runden dreht, immer ganz dicht bis an den Kanalrand hinan. Und irgendwo spielt die kleine Nachtmusik, ganz leise, denn sie ist ja nur ein Klingelton auf einem Nokia ...

Wenn man den promenadenumarmten Westsee in Hangzhou mit dem Bus 27 Richtung Westen verlässt und an den teebuschbewachsenen Hängen angekommen ist (hier wird der weltberühmte Drachenbrunnentee angepflanzt), kommt man zum Zhejiang-Hotel (浙江宾官). Wie üblich, erlebe ich es im Totalumbau, alles staubt und hämmert. An mir vorbei laufen zielstrebig Einheimische, um sich vor einem Panzer der Volksarmee fotografieren zu lassen. Ich folge ihnen zu einem Kellertor und laufe die Stufen hinab. Es ist angenehm kühl und unangenehm muffig. Es tropft von den Wänden, und endlichendlich öffnet sich eine Tür in einen großen Raum, ausgestattet mit Telefonen, altmodischen Funkanlagen und einer riesigen Kalligrafie an der Wand: "Hoch lebe Mao Zedong, tausendfach hoch" steht da so, dass sogar ich es lesen kann. Unterschrift unleserlich, aber ich weiß: Die Lobeshymne stammt aus dem Pinsel von Lín Biāo 林彪, dem designierten Nachfolger von Máo Zédōng 毛泽东, der jedoch (offizielle Lesart) seine eigenen Pläne mit der Partei und der Zukunft Chinas hatte und 1971 bei der Flucht in die Sowjetunion mit der gesamten Familie in einem Flugzeug über der Mongolei abstürzte, Ursache ungeklärt. Hier also bin ich im unterirdischen Zentrum seiner (geplanten) Macht, überirdisch zu betrachten sind die Wohn- und Arbeitsräume in viel rotem Plüsch und wieder einem "wàn suì, wàn suì, wàn wàn suì" 万岁万岁万万岁für Mao Zedong (wörtlich: "tausend Jahre, tausend Jahre und noch einmal tausend Jahre", womit man im alten China den Kaiser ehrte) an der Wand. Mit dem mir selbst gegebenen Versprechen, meine historischen Wissenslücken umgehend zu füllen, laufe ich erleichtert in die Frischluft, vorbei an Bambus und Teebusch, zur Bushaltestelle.

Nachdem ich das jetzt alles aufgeschrieben habe, packt mich der Ehrgeiz. Meine Fotos können nicht einfach "weg" sein. In der berühmten Beijinger Einkaufsstraße Wángfŭjĭng 王府井gibt es doch alles – ja, aber offenbar keinen Computerladen. Dort steht jedoch das Crowne Plaza Hotel, Eigenwerbung: "the place to meet", für mich: "the place to ask". Denn ich bekomme auf meine Frage nach einem Computerladen eine korrekte Antwort, nicht von den Herren an der Rezeption, sondern von einem der sogenannten Pagen. Auf englisch heißen die "bell hop", d.h. "Glockenhüpfer", und sind also jemand, der diensteifrig einherzuspringen hat, wenn man nach ihm klingelt. Der hiesige "bell hop" sprang jedoch nicht, sondern schlenderte gemächlich heran, als er meine Frage hörte, und kritzelte dann etwas auf einen Zettel, nämlich den Namen eines PC-Ladens. Den Zettel werde ich mir jetzt wohl einrahmen – denn ich fand den Laden und darin einen freundlich bebauchten Verkäufer mit Englischkenntnissen. Der überspielte zwei Programme, "Ontrack Crisis Center" und "Easy Recovery Professional". Während des Arbeitsprozesses stand mein Computer zwischen seinen käuflichen Artgenossen im Regal (so schief, dass ich Angst hatte, er könne auf den Boden rutschen und dort kläglich verglühen). Ich verstehe ja anerkanntermaßen nichts von dieser Technik; so ist es vielleicht keine Zauberei, dass zwei Drittel der verschwundenen Fotos wieder auftauchten. Zwei Drittel! Die hölzernen Nachttöpfe aus Suzhou und die geheime Befehlszentrale von Lin Biao sind dabei: alles wieder zum Angucken und in Farbe! In der Zukunft – so der nette Verkäufer – könne ich ja alles Verschwundene selbst wieder herstellen, denn die Recovery-Programme habe er mir dauerhaft installiert. (Ich hielt die Luft an, als er im Betriebssystem des PC dieses und jenes veränderte ...) Und was das kostet? Mmmh, er überlegt: Ob 100 Yuan (ca. 11 Euro) zuviel wären?

Aus meiner Schulzeit kann ich mich nur noch an ein Gedicht erinnern, das mich seitdem freundschaftlich begleitet:

"nicht müde werden
sondern dem Wunder
wie einem Vogel
die Hand hinhalten"

Da sitzen sie nun also auf meiner Handfläche und kichern, Schulter an Schulter, meine kleinen chinesischen Überraschungen: wer weiss ...

zai jian.
Wei aus Beijing.
4. September 2006

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