Lang – länger – am längsten.
Die Nudeln des Lebens.

Die Mama meiner chinesischen Freundin hatte Geburtstag. Der wurde mit einem kleinen Festmahl gefeiert – und natürlich gab's zum Nachtisch eine Geburtstagstorte, denn die wird auch hier mit großer Freude und gleichzeitig sorgenvollem Blick auf die Hüftpartie verspeist. Und sie sah so ungesund rosa und himmelblau und sahneweiß aus wie ihre amerikanischen Schwestern. Die richtige chinesische Festtagsspeise gefiel mir viel besser, obwohl auch sie kalorienmäßig in der Rangordnung ganz oben liegt: die Lange-Leben-Nudeln.
Die Länge der Nudel versinnbildlicht die Länge des Lebens. Je länger die Nudel, umso länger das Leben – bildlich gesprochen. Deshalb ist sie die optimale Speise für jeden, der schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat und sich noch viele, viele dazu wünscht. Abgesehen davon, dass es eine Kunst ist, das Nudelgewirr auf die Stäbchen zu hieven und dann fettfleckenfrei zu verspeisen - es ist eine mindestens ebenbürtige Fertigkeit, eine Teigmasse in lange, dünne ... na – eben Nudeln zu verwandeln. Die köstlichen langen Nudeln kommen auch auf den Tisch, wenn gerade kein Geburtstag zu feiern ist.
In der Mensa guckte ich mir heute eine solche Fertigungsvorstellung an. Hinter der Essensausgabe walteten drei Nudelkünstler ihres Amtes. Selbstvergessen und sich offenbar ihrer beneidenswerten Fähigkeiten nicht bewusst, kneteten sie den Teig, teilten ihn in brotlaibgroße Partien, kneteten noch einmal – und dann zogen und zogen sie, teilten und teilten wieder, wirbelten die länger gewordenen Teiglaibe wie Springseile herum, teilten und teilten wieder – und ratzbatz, schneller als die Heinzelmännchen von Köln je hätten gucken können, verschwanden die langen Rohlinge in den riesigen Kesseln. Ich sagte es ja schon – es ist eine wahre Kunst. Und ob sie mit rechten Dingen zugeht, weiß ich nicht – schließlich bin ich in China.
Diese Nudeln heißen übrigens "lā miàn" 拉面", was soviel wie "gezogenes Weizenmehl" bedeutet. Eine recht akurate Bezeichnung, finde ich. Wenn man "la" nicht richtig, also nicht im ersten Ton ausspricht, sondern versehentlich im vierten, dem sogenannten "fallenden Ton", bedeutet "là" sowohl "übellaunig" 剌 als auch "scharf" 辣. Da die Nudel an sich ein überaus gutmütiger Geselle ist und kaum als unliebenswürdig bezeichnet werden kann, bekommt man sie bei der Bestellung in "la-vierter Ton" in sehr scharfer Sauce serviert. Auch sehr lecker – aber aufgepasst, wenn man kein Chili-Liebhaber ist.
Wie die Mensa-Nudeln so waren auch die Geburtstagsnudeln bei meiner Freundin hausgemacht. Allerdings wurde bei ihr die Nudelkunst maschinell unterstützt – von einer Nudelmaschine der Marke "Mercato" aus ... ja, aus dem Pastaland Italien! Mit "Mercato" lassen sich zwei Sorten nudeln: die zierlichere, die wir nach alter Rechtschreibung "Spaghettini" nennen, und ihre fülligere Verwandte, nach neuer Rechtschreibung als "Spagetti" tituliert. Ich erspare uns den an dieser Stelle fälligen Exkurs über die deutsche Rechtschreibreform und nerve Sie auch nicht mit dem noch unentschiedenen Wissenschaftlerstreit, ob die Nudel von Marco Polo im Reisegepäck nach Italien eingeschleppt worden ist oder ob sie die findigen Italienier selbst – lange vor ihrer "Mercato"-Maschine - entwickelten.
Für den ersten Monat im neuen Jahr wünsche ich Ihnen die besten und längsten Spaghetti, die in Potsdam aufzutreiben sind – der Rest wird sich finden.
zai jian.
Wei aus Beijing.
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