März-Spezial.
Sitzmöbel im Frühling.

Im Winter standen sie bloß herum und erweckten meine generelle Neugier. Ich dachte, es handele sich bei den einsam frierenden Sitzmöbeln um ausrangierte Mitbewohner, die von ihren finanziell erstarkten Eigentümern durch modische Sitzgelegenheiten des schwedischen Einrichters ersetzt worden seien. Dem ist aber nicht so. (Exkurs: Das Elch-Möbelhaus heißt hier in phonetischer Adaption "Yí Jiā Jiā Jū" 宜家家居, übersetzt: "Passendes-Wohnen-Wohnhaus". Das einzige Zugeständnis, das die kleveren Skandinavier ihrem Gastgeberland machen, ist ein kleines Regal mit bunten Ess-Stäbchen aus Plastik - neben rostfreien Edelstahl-Messer-Gabel-Löffeln. Ansonsten ist alles wie immer bei IKEA.)
Dass die Freiland-Stühle eine wichtige stadtplanerische und soziale Funktion erfüllen, konnte ich jetzt in der Frühlingssonne studieren und mit eigenen positiven Erfahrungen untersetzen. Zum einen verlaufe ich mich hinter dem Bahnhof Xīzhīmen西直门auf dem Heimweg nie wieder – ich muss einfach bei dem schwarzen Esszimmerstuhl mit blauem Bezug links abbiegen. Zum andern kann ich mir endlich die etwas zu engen, aber schön-genug-billigen Schuhe kaufen, denn an jeder Straßenecke lässt sich auf einem herumstehenden Sesselchen eine Pause für die Blasen einlegen.
Der Straßen-Stuhl an sich ist mir inzwischen ein dankbares Studienobjekt geworden und hat meine Fotosammlung "Beijings Flora und Fauna" um eine weitere Spezies (wenn auch eine – hoffentlich! - weder aussterbende noch allzu seltene) erweitert. Ich zähle zu meinen Sammelobjekten die folgenden Freiland-Schönheiten:
- das oben erwähnte schwarz lackierte Modell (an farblich passender blauer Stahltür), das mir so gute Dienste bei der Orientierung leistet,
- ein schlankes Holzgestell aus der Sammlung "Kleiner Wachsoldat" (es steht neben dem Eingang zu meiner Uni, aber noch nie konnte ich einen Uniformierten bei einer Ruhepause darauf ertappen),
- ein spilleriger Bürodrehstuhl auf drei Rollen und einem Krüppelfüßchen, abgestellt in einem Vorgarten (wahrscheinlich ist er gerade vom Dienst freigestellt wie ich, gesundheitlich aber erheblich schlechter beisammen),
- eine Familienidylle, bestehend aus sechs verschieden großen Holzsitzmöbeln in kunstvoller Verschränkung (entdeckt unter einer Teppichstange auf meinem Campus, neben einem lebensgroßen Hirsch aus Pappmaché),
- eine plüschige Wohnlandschaft inklusive Chaiselongue (!) mit rotem Designer-Bezug "Sonne, Mond und Sterne",
- ein Höckerchen für Kleinstkinder und Zwerghunde, frühes 21. Jahrhundert, von seinen Verwandten (siehe oben) getrennt und irgendwie unglücklich wirkend.
Und So Weiter.
Das Tolle an den Beijinger Sitzmöbeln ist aber, dass sie nicht einfach herumstehen. Sie nehmen am Leben teil und bieten dem Beijinger in seiner beschränkten Wohnmöglichkeit eine räumliche Extension, die für den kontaktfreudigen Stadtmenschen von größter Nützlichkeit ist. Da ist zum Beispiel der rote Samtsessel, Modell "Präsident", an der kleinen Tankstelle. Wenn der immer fröhlich pfeifende Tankwart mal keine Kundschaft hat, knallt er sich – natürlich mit Zigarette – aufs rote Polster. Es vergehen kaum zwei Minuten, da gesellt sich schon der Nachbar dazu (schließlich hat der Sessel eine Sitzfläche für einen europäischen Hintern und somit genug Platz für zwei kleinere asiatische Ausgaben). Nach weiteren fünf Minuten tauchen drei Zugucker auf, die sich drumherum stellen: Wer sitzt, spielt Schach; und wer steht, ist Kiebitz.
In den 60er Jahren war die "Möblierung der Städte" ein emotionsgeladenes westdeutsches Stadtplaner-Thema. In Beijing wird nicht darüber diskutiert, sondern fröhlich auf der Straße gelebt. Das macht jetzt um so mehr Freude, je mehr die Sonne herauskommt. Über die Frühjahrssandstürme berichte ich später.
zai jian.
Wei aus Beijing.
14. März 2006
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