Sitzmöbel im Frühling

März 2006

März-Spezial.
Sitzmöbel im Frühling.





Im Winter standen sie bloß herum und erweckten meine generelle Neugier. Ich dachte, es handele sich bei den einsam frierenden Sitzmöbeln um ausrangierte Mitbewohner, die von ihren finanziell erstarkten Eigentümern durch modische Sitzgelegenheiten des schwedischen Einrichters ersetzt worden seien. Dem ist aber nicht so. (Exkurs: Das Elch-Möbelhaus heißt hier in phonetischer Adaption "Yí Jiā Jiā Jū" 宜家家居, übersetzt: "Passendes-Wohnen-Wohnhaus". Das einzige Zugeständnis, das die kleveren Skandinavier ihrem Gastgeberland machen, ist ein kleines Regal mit bunten Ess-Stäbchen aus Plastik - neben rostfreien Edelstahl-Messer-Gabel-Löffeln. Ansonsten ist alles wie immer bei IKEA.)

Dass die Freiland-Stühle eine wichtige stadtplanerische und soziale Funktion erfüllen, konnte ich jetzt in der Frühlingssonne studieren und mit eigenen positiven Erfahrungen untersetzen. Zum einen verlaufe ich mich hinter dem Bahnhof Xīzhīmen西直门auf dem Heimweg nie wieder – ich muss einfach bei dem schwarzen Esszimmerstuhl mit blauem Bezug links abbiegen. Zum andern kann ich mir endlich die etwas zu engen, aber schön-genug-billigen Schuhe kaufen, denn an jeder Straßenecke lässt sich auf einem herumstehenden Sesselchen eine Pause für die Blasen einlegen.

Der Straßen-Stuhl an sich ist mir inzwischen ein dankbares Studienobjekt geworden und hat meine Fotosammlung "Beijings Flora und Fauna" um eine weitere Spezies (wenn auch eine – hoffentlich! - weder aussterbende noch allzu seltene) erweitert. Ich zähle zu meinen Sammelobjekten die folgenden Freiland-Schönheiten:
- das oben erwähnte schwarz lackierte Modell (an farblich passender blauer Stahltür), das mir so gute Dienste bei der Orientierung leistet,
- ein schlankes Holzgestell aus der Sammlung "Kleiner Wachsoldat" (es steht neben dem Eingang zu meiner Uni, aber noch nie konnte ich einen Uniformierten bei einer Ruhepause darauf ertappen),
- ein spilleriger Bürodrehstuhl auf drei Rollen und einem Krüppelfüßchen, abgestellt in einem Vorgarten (wahrscheinlich ist er gerade vom Dienst freigestellt wie ich, gesundheitlich aber erheblich schlechter beisammen),
- eine Familienidylle, bestehend aus sechs verschieden großen Holzsitzmöbeln in kunstvoller Verschränkung (entdeckt unter einer Teppichstange auf meinem Campus, neben einem lebensgroßen Hirsch aus Pappmaché),
- eine plüschige Wohnlandschaft inklusive Chaiselongue (!) mit rotem Designer-Bezug "Sonne, Mond und Sterne",
- ein Höckerchen für Kleinstkinder und Zwerghunde, frühes 21. Jahrhundert, von seinen Verwandten (siehe oben) getrennt und irgendwie unglücklich wirkend.
Und So Weiter.

Das Tolle an den Beijinger Sitzmöbeln ist aber, dass sie nicht einfach herumstehen. Sie nehmen am Leben teil und bieten dem Beijinger in seiner beschränkten Wohnmöglichkeit eine räumliche Extension, die für den kontaktfreudigen Stadtmenschen von größter Nützlichkeit ist. Da ist zum Beispiel der rote Samtsessel, Modell "Präsident", an der kleinen Tankstelle. Wenn der immer fröhlich pfeifende Tankwart mal keine Kundschaft hat, knallt er sich – natürlich mit Zigarette – aufs rote Polster. Es vergehen kaum zwei Minuten, da gesellt sich schon der Nachbar dazu (schließlich hat der Sessel eine Sitzfläche für einen europäischen Hintern und somit genug Platz für zwei kleinere asiatische Ausgaben). Nach weiteren fünf Minuten tauchen drei Zugucker auf, die sich drumherum stellen: Wer sitzt, spielt Schach; und wer steht, ist Kiebitz.

In den 60er Jahren war die "Möblierung der Städte" ein emotionsgeladenes westdeutsches Stadtplaner-Thema. In Beijing wird nicht darüber diskutiert, sondern fröhlich auf der Straße gelebt. Das macht jetzt um so mehr Freude, je mehr die Sonne herauskommt. Über die Frühjahrssandstürme berichte ich später.

zai jian.
Wei aus Beijing.
14. März 2006

© Mimi Productions
秘密出品

Nicht nur zur Frühjahrszeit

März 2006

Nicht nur zur Frühjahrszeit.
Eine Stadt im Putzrausch.





Bevor er mir zu Augen kommt, kann ich ihn bereits hören: Jeden Morgen gegen 7.00 Uhr macht es "plitsch-platsch-wutsch" an meiner Tür. Dann weiss ich: aha – die morgendliche Putztruppe ist wieder ausgeschwärmt und zieht kilometerlange nasse Streifen durchs Haus, erst dicht an der Wand, dann hinüber und herüber, ohne Atempause. Dass das Ding mal ausgespült wird, ist mir zwar noch nicht zu Augen gekommen, wohl aber nicht völlig ausgeschlossen. Wichtig ist ja nur die feuchte Spur als Beweis erfolgter Sauberkeitsbemühung. Der Feudel am Stil (so eine Art Wischbesen) ist Beijings liebstes Innenraum-Putzinstrument und folglich nicht nur in meinem Studentenwohnheim, sondern in der gesamten Hauptstadt pausenlos im Einsatz.

Am Feudel kommt hier niemand vorbei. Und es ist gut, ein paar Sätze der Feudelsprache zu verstehen. Wenn der Feudel in der Toilette des Museums ganz plötzlich einen Einsatz hat, ist das einfach nett gemeint und will sagen: Wir wollen, dass du dich auch hier wohl fühlst – vor dem Ausrutschen bewahrt dich ja ein Schild (an der Wand steht in großen chinesischen Schriftzeichen gut lesbar für den, der's lesen kann: "nasser Fußboden"). Wird einem kurz nach 13.00 Uhr in einem Restaurant um den Stuhl herum gefeudelt, heißt das: Wir sind ein staatlich geführtes Unternehmen - nicht aufessen, sondern aufstehen und gehen – Mittagspause, Personal schließt jetzt. Feudelt es einem vor den Füßen herum in einem der neuen schönen Geschäfte, wird damit angedeutet: Hey du Ausländer/in, guck dir mal deine staubigen Schuhe an, wir sind hier ein Geschäft für die nouveaux riches UNSERES Landes – und DU gehörst offenbar nicht dazu ...

Der Feudel an sich ist ein ganz passabler Geselle. Ich habe ihn auch schon bei Freizeitaktivitäten ertappt, wenn er sich in jeder erdenklichen Stellung an die Wand lehnte, tiefgefroren über dem Gartenzaun hing oder sich im Hauseingang von der Frühjahrssonne lieblich erwärmen ließ. Meistens aber ist er fleißig und sogar zum Autowaschen – eher wohl: Autowischen – zu gebrauchen. Dabei erfordert das wegen seines langen Stiels fast gymnastische Übungen des Putzpersonals. Wer bei Jet Li den korrekten Hüftschwung gelernt hat, wird auch mit der Motorhaube eines BMW-"Edelrosses" (auf chinesisch: băo mā 宝马- "Schatz-Pferd" – eine akustische Annäherung an die deutsche Aussprache) wischtechnisch erfolgreich sein. Ich hatte das Vergnügen, einem Jet Li-Lanzenkampf-Double bei der Arbeit zuzuschauen. Der tauchte den Feudel nach jedem Wagen-Kontakt sekundenschnell in den Eimer: "Schon der erste Stoß ist tödlich!"

Auch mitten in den Abrissvierteln der Altstadt ist er da, der Feudel, der hier – sollte man meinen – nichts mehr zu wischen hat, weil nichts Bewohnbares mehr da ist. Aber vielleicht ist er ja gar nicht übrig geblieben, sondern bereits schon da, als Erster, in Erwartung seines neuen Arbeitsplatzes.

Übrigens: Was der Feudel für die rauminnere Sauberkeit tut, erledigt der Reisigbesen auf der Straße. Dass die beiden sich gut verstehen und Genossen im chinesischen Wortsinne sind ("tóng zhì" 同志 = "gleiches Ideal"), erkennt man daran, dass sie nach getaner Arbeit Schulter an Schulter bzw. Lappen an Ästchen an Zaun und Mauer lehnen. Ich habe solch junges Glück vielfach fotografiert: Dank dieser reinlichen Harmonie wird die Kampagne "Sauberes Beijing für ein humanes Olympia 2008" bereits jetzt putztechnisch überplanmäßig erfüllt.

zai jian.
Wei aus Beijing.
22. Februar 2006

© Mimi Productions
秘密出品