Nicht nur zur Frühjahrszeit

März 2006

Nicht nur zur Frühjahrszeit.
Eine Stadt im Putzrausch.





Bevor er mir zu Augen kommt, kann ich ihn bereits hören: Jeden Morgen gegen 7.00 Uhr macht es "plitsch-platsch-wutsch" an meiner Tür. Dann weiss ich: aha – die morgendliche Putztruppe ist wieder ausgeschwärmt und zieht kilometerlange nasse Streifen durchs Haus, erst dicht an der Wand, dann hinüber und herüber, ohne Atempause. Dass das Ding mal ausgespült wird, ist mir zwar noch nicht zu Augen gekommen, wohl aber nicht völlig ausgeschlossen. Wichtig ist ja nur die feuchte Spur als Beweis erfolgter Sauberkeitsbemühung. Der Feudel am Stil (so eine Art Wischbesen) ist Beijings liebstes Innenraum-Putzinstrument und folglich nicht nur in meinem Studentenwohnheim, sondern in der gesamten Hauptstadt pausenlos im Einsatz.

Am Feudel kommt hier niemand vorbei. Und es ist gut, ein paar Sätze der Feudelsprache zu verstehen. Wenn der Feudel in der Toilette des Museums ganz plötzlich einen Einsatz hat, ist das einfach nett gemeint und will sagen: Wir wollen, dass du dich auch hier wohl fühlst – vor dem Ausrutschen bewahrt dich ja ein Schild (an der Wand steht in großen chinesischen Schriftzeichen gut lesbar für den, der's lesen kann: "nasser Fußboden"). Wird einem kurz nach 13.00 Uhr in einem Restaurant um den Stuhl herum gefeudelt, heißt das: Wir sind ein staatlich geführtes Unternehmen - nicht aufessen, sondern aufstehen und gehen – Mittagspause, Personal schließt jetzt. Feudelt es einem vor den Füßen herum in einem der neuen schönen Geschäfte, wird damit angedeutet: Hey du Ausländer/in, guck dir mal deine staubigen Schuhe an, wir sind hier ein Geschäft für die nouveaux riches UNSERES Landes – und DU gehörst offenbar nicht dazu ...

Der Feudel an sich ist ein ganz passabler Geselle. Ich habe ihn auch schon bei Freizeitaktivitäten ertappt, wenn er sich in jeder erdenklichen Stellung an die Wand lehnte, tiefgefroren über dem Gartenzaun hing oder sich im Hauseingang von der Frühjahrssonne lieblich erwärmen ließ. Meistens aber ist er fleißig und sogar zum Autowaschen – eher wohl: Autowischen – zu gebrauchen. Dabei erfordert das wegen seines langen Stiels fast gymnastische Übungen des Putzpersonals. Wer bei Jet Li den korrekten Hüftschwung gelernt hat, wird auch mit der Motorhaube eines BMW-"Edelrosses" (auf chinesisch: băo mā 宝马- "Schatz-Pferd" – eine akustische Annäherung an die deutsche Aussprache) wischtechnisch erfolgreich sein. Ich hatte das Vergnügen, einem Jet Li-Lanzenkampf-Double bei der Arbeit zuzuschauen. Der tauchte den Feudel nach jedem Wagen-Kontakt sekundenschnell in den Eimer: "Schon der erste Stoß ist tödlich!"

Auch mitten in den Abrissvierteln der Altstadt ist er da, der Feudel, der hier – sollte man meinen – nichts mehr zu wischen hat, weil nichts Bewohnbares mehr da ist. Aber vielleicht ist er ja gar nicht übrig geblieben, sondern bereits schon da, als Erster, in Erwartung seines neuen Arbeitsplatzes.

Übrigens: Was der Feudel für die rauminnere Sauberkeit tut, erledigt der Reisigbesen auf der Straße. Dass die beiden sich gut verstehen und Genossen im chinesischen Wortsinne sind ("tóng zhì" 同志 = "gleiches Ideal"), erkennt man daran, dass sie nach getaner Arbeit Schulter an Schulter bzw. Lappen an Ästchen an Zaun und Mauer lehnen. Ich habe solch junges Glück vielfach fotografiert: Dank dieser reinlichen Harmonie wird die Kampagne "Sauberes Beijing für ein humanes Olympia 2008" bereits jetzt putztechnisch überplanmäßig erfüllt.

zai jian.
Wei aus Beijing.
22. Februar 2006

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