Ich bin (nicht) krank

August 2006.

Ich bin (nicht) krank.
Kontakte mit dem chinesischen Gesundheitssystem.





Als ich zwölf Jahre alt war, verließ mich mein Blinddarm. Diese, meine einzige, Krankenhauserfahrung fiel in die Adventszeit und dauerte wenige Tage. Beim Schmücken des Weihnachtsbaumes hatte ich bereits eine hübsch verheilte Narbe und gute Erinnerungen an die frischen Orangen, die mir meine Eltern in die Kinderstation mitgebracht hatten. Über Krankenhäuser in Deutschland weiss ich also wenig. In Beijing kenne ich aus Patientensicht bereits mehrere, wobei ich einige meiner Erfahrungen mit Sicherheit mit allen Krankenhausinsassen unseres Erdballes teile, andere sind wohl recht chinesisch. Welche welche sind, mögen die mit mehr Insiderwissen entscheiden.

Bevor ich meine Studien an der Beijing Foreign Studies University aufnehmen durfte, schickte mich die Studentenbetreuerin erst einmal in ein Krankenhaus ans Ende der Stadt zur Untersuchung meiner Studientauglichkeit. Auf einem Zettel der Größe 2 x 2 cm hatte sie mir die größtmögliche Anzahl von Schriftzeichen gekritzelt mit der Behauptung, es handele sich um die Adresse des Krankenhauses. Damit hatte sie offenbar nicht gelogen, denn der Taxifahrer lieferte mich vor einem weiß gekachelten Gebäude ab, in dem viele griesgrämig aussehende Menschen vor vielen Schaltern anstanden, husteten und mit Papieren raschelten. Nachdem ich diverse 100-Yuan-Scheine einem Schalterbeamten überreicht hatte, stellte mir ein älterer Arzt, der keiner Fremdsprache mächtig war, einige Fragen. Ich antwortete ins Ungefähre, was ihn manchmal zu einem Lächeln veranlasste. Er stellte mich auf die Waage und ließ mich etwas unterschreiben, worauf wir uns ausführlich über meine "schöne Handschrift" unterhielten. Wie gut, dass ich meinen chinesischen Namen schon damals auswendig schreiben konnte. Daraufhin bestätigte er mir, dass mein Blutdruck OK sei und meine Brille ausreichend. Schließlich wurde ich geröntgt (auf einem Röntgenbild sind meine Ohrringe zu sehen) und für das Erlernen der chinesischen Sprache für tauglich erklärt.

Diese Tauglichkeitserklärung und das Lob meiner Handschrift nahm ich in der Folgezeit derartig ernst, dass ich es wohl mit dem Schreiben ein wenig übertrieben habe. Als ich dann das Handgelenk so gar nicht mehr richtig bewegen konnte und es sich ballonartig zu verformen begann, selbstdiagnostizierte ich eine Sehnenscheidenentzündung, die mit dem Tigerbalsampflaster aus der Apotheke nicht mehr zu beheben sei. Das Pflaster verursachte nur unschön aussehende rote Pusteln, obwohl mir der jugendliche Apotheker die "jahrtausendealte Rezeptur" wärmstens empfohlen hatte. Wahrscheinlich rächte sich das Pflaster bei mir für die lange Wartezeit, weil es vergeblich Jahrtausende auf einen armen Patienten gehofft hatte. Also besuchte ich das kleine Krankenhaus, das der Universität angegliedert und gleichzeitig für die ärztliche Versorgung der Nachbarschaft zuständig war. Die resolute Rezeptionistin entschuldigte sich bei meiner Registrierung, sie müsse mir eine Einschreibgebühr in Höhe von 3 Yuan abnehmen, da ich eine Studentenkrankenversicherung nicht vorweisen könne. (3 Yuan sind 35 Cents.) Zur Untersuchung rief mich ein freundlicher älterer Arzt in das Behandlungszimmer, das er mit einem Kollegen und diversen Kranken teilte. Eine Frau, die bisher komatös auf einer Liege geruht hatte, wurde plötzlich sehr lebendig und wandte sich interessiert unserer Unterhaltung zu. Auch der Kollege, der mit einem Ehepaar beschäftigt war, unterbrach seine Tätigkeit, so dass ihm und seinen Patienten nichts von meiner Leidensgeschichte ("ah, endlich, eine Ausländerin!") entging. Nachdem diesmal alle meine Handschrift begutachtet hatten ("sie muss den Oberstrich bei dem Zeichen 'Wei' länger machen ... aber das 'Lin' ist recht hübsch, mit dem Jade-Zeichen ist es sehr feminin ..."), die ich unter Schmerzen produziert hatte, und der Arzt meine Hand so lange geknetet hatte, als wolle er sie wie einen unreifen Apfel vom Gelenk pflücken, bekam ich ein Rezept für eine Spritze (5 Yuan), über deren Verabreichung ich lieber schweige. Jedenfalls kann ich jetzt wieder einwandfrei ein Schreibwerkzeug halten. Das kleine Krankenhaus mit seinem anteilnehmenden Publikum wird mir in guter Erinnerung bleiben.

Ebenfalls gute, ja sogar allerbeste Erinnerungen – auch in kulinarischer Hinsicht – habe ich an das Chao Yang-Krankenhaus. Der Weg dorthin war so verschlungen, dass ich ihn kaum ohne langweilige Details beschreiben kann und deshalb weglasse. Jedenfalls war ich dort, um mir einen Herzkatheter legen zu lassen. Nur eine solche Koronarangiographie (uff!) konnte angeblich ernsthafte Erkrankungen meiner Herzgefäße ausschließen, die sich bei einer Routineuntersuchung in Form von Herzrhyth-musstörungen (die ich bis heute nicht gehabt zu haben glaube, aber sei's drum) andeuteten. Der deutsche Botschaftsarzt legte mir ans Herz (jawohl, an mein angeblich krankes), die Untersuchung nicht in Beijing durchführen zu lassen. Das machte mich nachdenklich. Deshalb besuchte ich meine Lieblingstempel (inzwischen einige) in dieser schönen Stadt und entschied, dass mein Chinesisch ausreichend sei, um dem untersuchenden Arzt im Falle des Falles zu bedeuten, ich würde mich nicht mehr so wohlfühlen ("bu tai shu fu"). Als ich dann unter lauter grünen Tüchern gebettet lag und mich zehn Paar Mandelaugen über weißen Masken ansahen (warum sind Chinesen immer so viele?), war mir tatsächlich etwas plümerant, aber für "bu tai shu fu" war ich zu abgelenkt. Ich kam mir vor wie in einer deutschen Soap Opera ("Schwester Brigitte" oder so ähnlich): Die Ärzte unterhielten sich über das Mittagessen (liebe Fremdsprachen-Uni, ich habe doch etwas bei dir gelernt!), während ich auf dem Monitor neben mir mein Herzchen ordnungsgemäß pumpen sah. Mittagessen! Jawohl: Seit 7 Uhr (ohne Frühstück) hatte ich auf diversen Stühlchen gewartet, bis ich endlich hier zu liegen kam – und nun musste es wohl schon Mittag sein. Als der 1,08 m lange Draht aus meiner Arterie gezogen war, ging alles richtig schnell. Ich wurde auf einen Rollstuhl verfrachtet und ins Zimmer nebenan gerollt, wo es bereits köstlich duftete. Bittermelone, Schweinerippchen, Pilze in Kräutersauce, Sichuan-Fisch, Spinat mit Knoblauch – von allen Köstlichkeiten reichte mir eine Schwester jeweils einen Bissen auf mein Reis-Schälchen. Obwohl mir die Stäbchen ziemlich in der malträtierten Hand zitterten, war das wohl eine meiner köstlichsten Mahlzeiten in China. Und nicht nur, weil mir der untersuchende Arzt (mit vollem Mund) erklärte, ich hätte das Herz eines 20jährigen (!) Mannes (!), das höchste Lob, das in China für ein Herzchen ausgesprochen werden kann. Sondern auch, weil chinesisches Essen auch im Krankenhaus sehr, sehr lecker ist. Guten Appetit!

zai jian.
Wei aus Beijing.
21. Juli 2006.

© Mimi Productions
秘密出品

Großstädtisches Kleingewerbe

Juli 2006.

Großstädtisches Kleingewerbe.
Der Lebensunterhalt vom Bürgersteig.





Die neue Ökonomie und das verordnet Hartzige ändern auch in Deutschland die kleingewerbliche Landschaft. Denke ich. Was ich hier beobachtet habe, ist möglicherweise demnächst auch in Potsdam Realität und ruhegehaltsanrechnungsfähig bzw. rentenanspruchsunerheblich, je nach Entwicklungsstand unseres Sozialrechts. Wir müssten bis dahin allerdings unsere Bürgersteige so ordentlich fegen lernen, wie es hier zum Alltag gehört. Die Geschwader der blaugewandeten Besenschwinger (so stand es vor kurzem in der Zeitung) arbeiten eine lockere Sechs-Tage-Woche über und zwar von 8.00 bis 20.00 Uhr, wofür sie (umgerechnet) staatlich garantierte 60 Euro bekommen (und wahrscheinlich auch die Arbeitskleidung, ein Rest von Ameisen-Indigo aus den vormarktwirtschaftlichen Lagerbeständen). Sie haben reichlich Gelegenheit für Zigarettenpausen (natürlich im Hocken) und Schwätzchen mit den an der Bushaltestelle Wartenden: "Ach tatsächlich – dir ist schon zum dritten Mal der Bus wegen Überfüllung weggefahren? Würde mir nicht passieren – guck mal, ich habe hier meinen Besen, mit dem würde ich ..."

Auf dem relativ besenreinen Bürgersteig vor dem U-Bahnhof Xīzhīmen西直门 sitzt die alte Dame auf ihrem Stühlchen (Sitzhöhe: 25 cm über der Erdoberfläche) und häkelt. Ich kenne sie jetzt seit einem halben Jahr. Sie ist emsig wie eine Großmutter, die für das werdende Enkelchen die ersten Strümpfe fabriziert. Und Garne in zauberhaften Baby-Farben benutzt sie auch. Die fertigen Produkte breitete sie bereits auf gestrigem Zeitungspapier um sich herum aus, und schon begibt sich die Kundschaft zu Preisverhandlungen in die Hocke. Die Häkelwerke ließen mich zunächst etwas ratlos. Aber es gibt offenbar einen Markt dafür. Denn was so aussieht wie deutsche Klopapierrollenverhüllungen für die hintere Ablage im Kleinwagen - mit zusätzlichen Henkeln -, das hat einen vergleichsweise enormen Gebrauchswert: Es handelt sich um Portemonnaie-Tragetaschen, auf die wir ja schon so lange gewartet haben. Also, Männer, wenn ihr euch nicht mehr den Geldbeutel aus der Gesäßtasche klauen lassen wollt, hier ist die Alternative!

Ein paar Ecken weiter packt der Straßenfriseur aus. Er hat im Korb seines Fahrrads alles verstaut, was er braucht, und das ist nicht viel. Am umständlichsten zu transportieren war der Spiegel, und der Klappstuhl baumelt noch am Lenker. Ein Kunde muss sitzen können, aber das mit dem Spiegel ist kein Muss, eher ein Hauch von Luxus (und ein Vorteil gegenüber dem Konkurrenzfriseur): Wenn der Spiegel am Nagel an der Hauswand hängt, kann der Kunde ausführlich beraten werden. Ohren frei oder lieber doch halb bedeckt? Und wie wär's mal mit einem flotten Linksscheitel? Bloß auf die Haarwäsche muss der Kunde verzichten. Dafür ist so ein Freiland-Friseurbesuch in wenigen Minuten absolviert. Da es so schnell geht, gibt es natürlich auch keine Winterpause. Wenn's kühl wird, trägt der Friseur Handschuhe (die mit den vorn abgeschnittenen Fingerspitzen), nach dem Sandsturm sah ich ihn mit Mundschutz – aber draußen bleibt draußen. Und munter weht der Wind davon, was abgeschnitten zu Boden fiel. Ich weiss nicht, wie preiswert es noch werden kann: Ich zahle für einen Drinnen-Haarschnitt (mit 30minütiger Rückenmassage vorneweg und aufwändigem Haargespüle, einmal vor dem Schneiden, einmal danach) 1,50 Euro (umgerechnet) ...

Auch als Masseur schleppt man seine Utensilien mit sich herum: ein Hockerchen (Marke Anglerklappstuhl) und ein Tuch. Denn der Straßenmasseur braucht kein Massageöl. Der Kunde muss auch nichts ausziehen. Die Massage entfaltet ihre Tiefenwirkung, auch wenn sie als Oberflächenbehandlung erscheint. Ich habe das von einem experimentierwilligen Freund ausprobieren lassen, und das ging so: Der Masseur legte sein mäßig blütenweißes Massagetuch auf die zu knetenden Stellen (anything goes: Kopf, Schultern, Oberarme, Unterschenkel) und fing dann ohne Vorwarnung an zu klopfen, tupfen, reiben, kreisen. So geschützt bleibt die Kundenbluse, -hose etc. sauber, wenn auch nicht faltenfrei, und der Masseur muss sich für einmassierten Umweltdreck nicht entschuldigen. Mein Freund schnurrte während der Behandlung wie ein Kätzchen ...

So, jetzt brauche ich noch etwas Leckeres als Nachtmahl. Des Abends beziehen die Obsthändler mit ihren Karren Stellung vorm Eingang der Uni. Darauf freue ich mich: Die Mango-Zeit hat begonnen, auch die Pfirsiche sind lecker. Und wie hätte ich den Winter ohne meine abendliche Ananas von hier überstehen können! Den Straßenhändlern sei Dank.

zai jian.
Wei aus Beijing.
28. Juni 2006

© Mimi Productions
秘密出品