Großstädtisches Kleingewerbe

Juli 2006.

Großstädtisches Kleingewerbe.
Der Lebensunterhalt vom Bürgersteig.





Die neue Ökonomie und das verordnet Hartzige ändern auch in Deutschland die kleingewerbliche Landschaft. Denke ich. Was ich hier beobachtet habe, ist möglicherweise demnächst auch in Potsdam Realität und ruhegehaltsanrechnungsfähig bzw. rentenanspruchsunerheblich, je nach Entwicklungsstand unseres Sozialrechts. Wir müssten bis dahin allerdings unsere Bürgersteige so ordentlich fegen lernen, wie es hier zum Alltag gehört. Die Geschwader der blaugewandeten Besenschwinger (so stand es vor kurzem in der Zeitung) arbeiten eine lockere Sechs-Tage-Woche über und zwar von 8.00 bis 20.00 Uhr, wofür sie (umgerechnet) staatlich garantierte 60 Euro bekommen (und wahrscheinlich auch die Arbeitskleidung, ein Rest von Ameisen-Indigo aus den vormarktwirtschaftlichen Lagerbeständen). Sie haben reichlich Gelegenheit für Zigarettenpausen (natürlich im Hocken) und Schwätzchen mit den an der Bushaltestelle Wartenden: "Ach tatsächlich – dir ist schon zum dritten Mal der Bus wegen Überfüllung weggefahren? Würde mir nicht passieren – guck mal, ich habe hier meinen Besen, mit dem würde ich ..."

Auf dem relativ besenreinen Bürgersteig vor dem U-Bahnhof Xīzhīmen西直门 sitzt die alte Dame auf ihrem Stühlchen (Sitzhöhe: 25 cm über der Erdoberfläche) und häkelt. Ich kenne sie jetzt seit einem halben Jahr. Sie ist emsig wie eine Großmutter, die für das werdende Enkelchen die ersten Strümpfe fabriziert. Und Garne in zauberhaften Baby-Farben benutzt sie auch. Die fertigen Produkte breitete sie bereits auf gestrigem Zeitungspapier um sich herum aus, und schon begibt sich die Kundschaft zu Preisverhandlungen in die Hocke. Die Häkelwerke ließen mich zunächst etwas ratlos. Aber es gibt offenbar einen Markt dafür. Denn was so aussieht wie deutsche Klopapierrollenverhüllungen für die hintere Ablage im Kleinwagen - mit zusätzlichen Henkeln -, das hat einen vergleichsweise enormen Gebrauchswert: Es handelt sich um Portemonnaie-Tragetaschen, auf die wir ja schon so lange gewartet haben. Also, Männer, wenn ihr euch nicht mehr den Geldbeutel aus der Gesäßtasche klauen lassen wollt, hier ist die Alternative!

Ein paar Ecken weiter packt der Straßenfriseur aus. Er hat im Korb seines Fahrrads alles verstaut, was er braucht, und das ist nicht viel. Am umständlichsten zu transportieren war der Spiegel, und der Klappstuhl baumelt noch am Lenker. Ein Kunde muss sitzen können, aber das mit dem Spiegel ist kein Muss, eher ein Hauch von Luxus (und ein Vorteil gegenüber dem Konkurrenzfriseur): Wenn der Spiegel am Nagel an der Hauswand hängt, kann der Kunde ausführlich beraten werden. Ohren frei oder lieber doch halb bedeckt? Und wie wär's mal mit einem flotten Linksscheitel? Bloß auf die Haarwäsche muss der Kunde verzichten. Dafür ist so ein Freiland-Friseurbesuch in wenigen Minuten absolviert. Da es so schnell geht, gibt es natürlich auch keine Winterpause. Wenn's kühl wird, trägt der Friseur Handschuhe (die mit den vorn abgeschnittenen Fingerspitzen), nach dem Sandsturm sah ich ihn mit Mundschutz – aber draußen bleibt draußen. Und munter weht der Wind davon, was abgeschnitten zu Boden fiel. Ich weiss nicht, wie preiswert es noch werden kann: Ich zahle für einen Drinnen-Haarschnitt (mit 30minütiger Rückenmassage vorneweg und aufwändigem Haargespüle, einmal vor dem Schneiden, einmal danach) 1,50 Euro (umgerechnet) ...

Auch als Masseur schleppt man seine Utensilien mit sich herum: ein Hockerchen (Marke Anglerklappstuhl) und ein Tuch. Denn der Straßenmasseur braucht kein Massageöl. Der Kunde muss auch nichts ausziehen. Die Massage entfaltet ihre Tiefenwirkung, auch wenn sie als Oberflächenbehandlung erscheint. Ich habe das von einem experimentierwilligen Freund ausprobieren lassen, und das ging so: Der Masseur legte sein mäßig blütenweißes Massagetuch auf die zu knetenden Stellen (anything goes: Kopf, Schultern, Oberarme, Unterschenkel) und fing dann ohne Vorwarnung an zu klopfen, tupfen, reiben, kreisen. So geschützt bleibt die Kundenbluse, -hose etc. sauber, wenn auch nicht faltenfrei, und der Masseur muss sich für einmassierten Umweltdreck nicht entschuldigen. Mein Freund schnurrte während der Behandlung wie ein Kätzchen ...

So, jetzt brauche ich noch etwas Leckeres als Nachtmahl. Des Abends beziehen die Obsthändler mit ihren Karren Stellung vorm Eingang der Uni. Darauf freue ich mich: Die Mango-Zeit hat begonnen, auch die Pfirsiche sind lecker. Und wie hätte ich den Winter ohne meine abendliche Ananas von hier überstehen können! Den Straßenhändlern sei Dank.

zai jian.
Wei aus Beijing.
28. Juni 2006

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