An die Sonne, an die Freiheit.
Die Blumentopf-Jahreszeit beginnt.

Als ich am 17. April zur morgendlichen Grammatikstunde loszog, fand ich meinen Schulweg mit einem feinen, roten Staub überzogen. Ein heftiger Hustenanfall machte mir klar, dass meine Atmungsorgane mit ihrer Staubsaugerfunktion nicht einverstanden waren und ich gerade an und im eigenen Leib meinen ersten chinesischen Sandsturm (auf chinesisch heisst er korrekt "Sand-Staub-Sturm",shā chén bào 沙尘暴) erfahren hatte. Beijing verstaubt – das Fernsehen berichtete unentwegt. Aber schon einen Tag später hatten Schwärme von blaugewandeten, besenbewaffneten, feudel-schwingenden Putzmännern und –frauen die Stadt wieder entstaubt. Und nicht nur das: Zugleich mit dieser Säuberungsaktion war der Blumentopf aus dem Exil zurückgekehrt und hatte sich sein Territorium in der Stadt zurückerobert.
Meine erste nennenswerte Begenung mit einem chinesischen Blumentopf war eine Fernbeziehung von ca. 10 m Länge. Da sass ich bei meiner ersten China-Reise zu Schiff eingezwängt zwischen fülligen deutschen Touristen und hatte es langsam satt, ihren Reiseerlebnissen über ägyptische Pyramiden und Sonnenuntergänge am Äquator zu lauschen. Mein Blick wanderte über das trübe Wasser des Kaiserkanals und fiel auf ein langes, schmales Holzboot mit Tuck-Tuck-Außenbordmotor. Am Heck stand ein sehr kleines Mädchen, daneben ein noch viel kleinerer Hund. Das Mädchen bohrte sich intensiv in der Nase und guckte kritisch, der Hund guckte nicht ganz so kritisch und wedelte mit dem Schwanz. Neben dieser Idylle – die ich ansonsten vergessen hätte - stand ER, majestätisch aus blau-weißem Porzellan, dreimal so umfangreich wie kleines Mädchen und kleiner Hund zusammen, intensiv in der Sonne glänzend. Viel zu groß für das Boot und viel zu edel, eine erhabene Kostbarkeit, eine Perle auf dem Kartoffelacker und doch ein Mitglied der chinesischen Familie, auf das nicht und unter keinen Umständen verzichtet werden kann: der Blumentopf. Er barg eine rote Blume, so schön wie die des kleinen Prinzen, und zog langsam, langsam an mir vorbei.
Seitdem habe ich zu meiner Freude überall in China Blumentöpfe getroffen. Sie beleben große und kleine Schiffe, stehen in Reih und Glied vor dem Shaolin-Tempel, schmücken die Wandelgänge der Großen Halle des Volkes, weisen den Weg zur Ruhestätte des Großen Steuermannes, kuscheln sich leer und übereinandergestapelt durch den Winter und entzücken jetzt mit ihren bunten Ranunkelchen die Besucher im Botanischen Garten. Bunt kostümierte Kinder platzieren sich dazwischen, heben mit viel Gebrüll ihre Zeige- und Mittelfinger zum Sieges-V hoch und werden von begeisterten Vatis und Omis mit der Digikamera hundertfach abgelichtet. Die Töpfe überleben diese und andere Anstürme in erdverbundener Gelassenheit. Sie wissen: Ihre Umgebung und ihr Inhalt sind vergänglich, aber sie werden wieder und wieder geputzt, mit Leben gefüllt, geleert, gestapelt und Jahr um Jahr in den chinesischen Alltag integriert. In den Hutongs, den kleinen Gässchen in der Beijinger Altstadt, stehen sie jetzt in Scharen vor jeder Haustür: Die Blumentopf-Familie ist ein platzsparender Vorgarten-Ersatz.
Für Bildungsbeflissene: Der Baum-Winzling, den wir für eine japanische Eigenart halten, hat natürlich seinen Ursprung im Land der Mitte. Er heisst auf chinesisch "pén zāi" 盆栽: "pén" ist der Topf und "zāi" heisst pflanzen. Unschwer lässt sich die japanische Sprachvariante "bonsai" heraushören, die wir kennen und für die authentische halten. Der chinesische Begriff ist nämlich als Lehnwort ins Japanische übernommen worden, wurde dort weiter kultiviert und kam als Modeartikel mit Sushi, Sony und Manga in den Westen. Den Botanikern unter uns ist das chinesisch-japanische Kauderwelsch allerdings egal; Hauptsache, die Topfkreatur behält ihre Miniaturform. Denn ein Bonsai ist nicht etwa eine besonders klein gezüchtete Pflanze, sondern ein "normaler" Baum, der allein intensiver gärtnerischer Maniküre seine topfgerechte Größe verdankt.
zai jian.
Wei aus Beijing.
27. April 2006
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