In der Hocke

Mai-Spezial 2006.

In der Hocke.
China aus der Froschperspektive.





Der Polizist brüllt aus vollem Hals und hebt die Hand zum vernichtenden Schlag. Der Verbrecher hat schon verloren, er hockt zu Füßen des Gesetzeshüters und hält schützend die Arme über den Kopf. Die Kamera fährt zurück. In dem kleinen Raum befinden sich insgesamt fünf unglückliche Gestalten in ähnlicher Körperhaltung am Boden, wie kleine nasse Vögelchen, in Schach gehalten von einem einzigen, erhabenen Uniformierten (und dem Kameramann, der sich Mühe gibt, dass sein Schatten nicht auf die beeindruckende Szene fällt, Untertitel: "Unsere Polizei hat in der Provinz X im Dorf Y eine Bande von Geldfälschern festgesetzt, die unserem Volk einen Schaden von Z Renminbi zugefügt hat"). So gesehen auf dem täglich ausgestrahlten Polizeiprogramm von cctv 12 (China Central Television), dessen staatlich verordnete Aufgabe es ist, dem Volk das Rechtssystem so nah wie möglich zu bringen. (cctv hat insgesamt 17 Themen-Programmsender, die fast überall gesehen werden können: Nachrichten, englischsprachige Sendungen für Ausländer, Kinderprogramme, Serien und Filme, Neuigkeiten von der Armee und der Landbevölkerung, Sport und Unterhaltung. Daneben gibt es Regionalprogramme wie z.B. BTV [Beijing Television], die sich bis auf Staumeldungen und Wetterberichte nur unwesentlich unterscheiden. Werbung gibt es – erstaunlicherweise – auf allen zu sehen.)

Dass ich die Beijinger Bestuhlung bemerkenswert finde, habe ich schon ausführlich dargestellt. Eine in China fast noch häufigere Körperstellung als das Sitzen in der freien Natur ist das Hocken. Schon in zartem Kindesalter hocken die lieben Kleinen überall herum. Sie buddeln hockenderweise, trotzen den Eltern in dieser Haltung das zweite Eis ab und wachsen so langsam in das Alter hinein, in dem sie in dieser Körperstellung Zeitung lesen können. Das dazu erforderliche Wissen umfasst 2.000 Schriftzeichen, denn jedes Zeichen steht für einen Begriff bzw. ein Wort. (Ein Oberschüler sollte seine 4.000 Zeichen beherrschen, bevor er auf die Uni wechselt.) Auch die arbeitende Bevölkerung ist derart hockend tätig: beim Warten an der Bushaltestelle, in der Mittagspause vor dem Geschäft beim Suppelöffeln, beim Schach- und Kartenspiel (nur die Mahjongg-Anhänger kommen ohne Tisch nicht aus) und bei der Fahrradreparatur. Gewerbsmäßig hocken die Reparateure am Straßenrand mit ihren erstaunlichen Werkzeugen, ihren musealen Luftpumpen und der unerlässlichen Wasserschüssel zur Erprobung des Luftentweichungsgrades der Fahrradschläuche, Knie an Knie mit den Kunden, gemeinsam über den unbrauchbaren Drahtesel gebeugt. Oder sie hocken einfach so. Die ohne spezielle Aufgabe Hockenden platzieren sich leicht erhöht auf Mäuerchen und Böschungen und gucken aufmerksam in die Gegend, wobei sie damit etwas ungemein Erdmännchenhaftes haben. (Hinweis: Im Berliner Zoo am Kleinen Nachttierhaus kann man diese possierlichen Nager aus Afrika betrachten und wird sofort verstehen, was ich meine.)

Die für die Boulevardpresse interessante Toilettenfrage (warum gibt es keine Trennwände?) muss ich unbeantwortet lassen, aber auch auf öffentlichen Toiletten ist eine gewisse Hockfertigkeit von enormem Vorteil. Es wurde sogar berichtet, dass auf Toilettenbrillen der Air China-Maschinen Schuhsohlenabdrücke gefunden worden sind, weil eine Gewohnheit eben eine Gewohnheit ist, im Himmel wie auf Erden.

Zum Schluss noch eine kleine Geschichte. Sitzt ein Frosch am Grunde seines Brunnens und langweilt sich. Kommt ein Vogel geflogen und setzt sich auf den Brunnenrand: "Puh, war das anstrengend – zwei Tage bin ich am Himmel entlanggeflogen!" Sagt der Frosch: "Alles Blödsinn – so groß ist der Himmel doch nicht. Ich betrachte ihn, solange ich lebe – der füllt bloß die Brunnenöffnung aus, also exakt 1,69867 Quadratmeter." Moral von der Geschichte: Eine Dauer-Hockstellung ist zwar nicht lebensgefährdend, erzeugt aber profunde Bildungslücken bei ansonsten beeindruckendem Detailwissen.

zai jian.
Wei aus Beijing.
7. Mai 2006

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