Wieder daheim

Juni 2006.

Wieder daheim.
Das hatte mir dann doch gefehlt.





Überraschend und angenehm kurzweilig war mein nicht eingeplanter kurzfristiger Deutschlandaufenthalt. Zu meiner großen Verwunderung fremdelte es nicht wie befürchtet, es war sogar richtig nett! Allerdings ist mir nirgendwo ein zur Adoption freigegebenes oder heimatloses Sitzmöbel untergekommen, das sich über meine Aufmerksamkeit gefreut hätte. (Wie schön, dass sie alle, alle hier zu meiner Begrüßung herumstanden!) Ich bin froh, wieder im Fernen Osten daheim zu sein, und das liegt nicht nur am Wetter. Es blühen die Stockrosen, womit für mich der Sommer in Beijing beginnt. Die jungen Damen stöckeln in Karo-Stoff-Stiefeln und Blümchen-Mini mit Fransen einher, die jungen Herren schlurfen in Plastiklatschen oder staubigen schwarz-spitzigen Schuhen herum, und die Alten sind wie immer auf der Straße und schwatzen und spielen Schach.

Woran merke ich sonst, das ich wieder zu Hause bin? Zunächst sind die in Deutschland überflüssigen Fluchtreflexe im Beijinger Straßenverkehr ("Hennen rennen") überlebenswichtig. Wie gut, dass ich mich in Berlin durch hektische Panoramablicke lächerlich gemacht und folglich nichts verlernt habe. Der aus DDR-Zeiten hierher übernommene "grüne Pfeil" lässt mich Straßen vorzugsweise bei Rot (für Fußgänger) überqueren, weil das sicherer ist. Was von rechts und links herangebraust kommt, kann ich so besser überschauen als die Um-die-Ecke-Sauser in meiner Grün-Phase, die nämlich auch die ihre ist.

Endlich kann ich mich wieder am heiteren Handy-Klingel-Töne-Raten beteiligen. Und zwar flächendeckend überall und zu jeder Uhrzeit. War das nun ein Takt aus der Kleinen Nachtmusik, gefolgt von zweien aus "O du fröhliche"? Oder doch ein koreanisches Popmedley, kurz unterbrochen von den drei Tenören (oder fünf Tenören)? Aber nein, das Gegurgele ist ja bereits das Gespräch, für alle in adäquater Lautstärke zum Mithören und Anteilnehmen dargeboten. " Wèi, wèi, nĭ hào 喂喂你好 – sprich lauter, wer ist denn dran?" Und schon flötet und glockt und paukt es aus einer anderen Hand- oder Hosentasche. Ach, Musik ist doch etwas Schönes, und nichts ist allein deshalb gut, weil es in Maßen genossen wird!

Das Einsteigen in Bus und U-Bahn ersetzt mir wieder den täglichen Leistungssport, obwohl die Belastung (Ellenbogen und Fäuste) auf die Dauer wohl etwas einseitig ist. Aber auch Geschick wird verlangt, wenn man zu den acht Aussteigenden gehört, die sich gegen die dreisten zwölf gleichzeitig Einsteigenden durchsetzen wollen. Richtig Spaß macht das natürlich erst, wenn man reichlich mitschleppt. Ich habe es ohne eine größere Verpackungshilfe (Holzkiste, Drahtkorb) geschafft, einen Strauß von weißen Lilien (duftstark, ansonsten von eher zarter Konstitution) sowohl heil in einen vollbesetzten Bus hinein- als auch wieder hinauszutransportieren. Der Trick: Ich schwang mich zu voller Größe von 164 Zentimetern auf, hielt das Transportgut mit beiden Händen fest über den Kopf (Umfallen war eh nicht möglich) und schlängele mich durchs Gedränge Richtung Ausstieg, freundliches Kopfnicken nach rechts und links bei eventuellem Fehltritt nicht vergessen.

Die Schrift auf Straßenschildern und Werbeträgern entbehrt wieder ihrer Allgemeinverständlichkeit. Es macht mir Freude, wie im Vorschulalter auf Fotos und Zeichnungen zu achten, und zum Glück gibt es noch andere Wiedererkennungseffekte. Da hat sich eine große Getränkefirma für die Farbe Rot und die andere große Getränkefirma für die Farben Blau-Weiß auf ihren Cola-Flaschen entschieden. Allerdings werben beide mit recht gleich (ähnlich?) aussehenden 20jährigen Pop-Ikonen, die aus Film und Fernsehen bekannt sein sollen, so Ā Wèi (man erinnert sich: wir lernen Tandem-Englisch-Chinesisch). Wie ein Kind zeige ich auf die Flasche, die ich glaube haben zu wollen. Die kleine Sprachbehinderung ist hoffentlich vorübergehender Natur.

Und an die Stelle von deutschen schwarz-weißen Fussbällen und mit schwarz-weißen Fußbällen geschmückten unnützen Dingen wie Sammelbildchen und Schlüsselanhängern ist hier der farblich identische National-Pandabär gerückt. Der möchte nicht mit dem WM-Ball verwechselt werden (was nur im Falle des Berliner Fernsehturm-Schmuckes ausgeschlossen ist) und steuert daher weiter zielstrebig die Verwirklichung seines größten Wunsches an - ein Farbfoto von sich. Ansonsten ist alles schön bunt hier – endlich wieder daheim!

zai jian.
Wei aus Beijing.
2. Juni 2006

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