Wieder daheim

Juni 2006.

Wieder daheim.
Das hatte mir dann doch gefehlt.





Überraschend und angenehm kurzweilig war mein nicht eingeplanter kurzfristiger Deutschlandaufenthalt. Zu meiner großen Verwunderung fremdelte es nicht wie befürchtet, es war sogar richtig nett! Allerdings ist mir nirgendwo ein zur Adoption freigegebenes oder heimatloses Sitzmöbel untergekommen, das sich über meine Aufmerksamkeit gefreut hätte. (Wie schön, dass sie alle, alle hier zu meiner Begrüßung herumstanden!) Ich bin froh, wieder im Fernen Osten daheim zu sein, und das liegt nicht nur am Wetter. Es blühen die Stockrosen, womit für mich der Sommer in Beijing beginnt. Die jungen Damen stöckeln in Karo-Stoff-Stiefeln und Blümchen-Mini mit Fransen einher, die jungen Herren schlurfen in Plastiklatschen oder staubigen schwarz-spitzigen Schuhen herum, und die Alten sind wie immer auf der Straße und schwatzen und spielen Schach.

Woran merke ich sonst, das ich wieder zu Hause bin? Zunächst sind die in Deutschland überflüssigen Fluchtreflexe im Beijinger Straßenverkehr ("Hennen rennen") überlebenswichtig. Wie gut, dass ich mich in Berlin durch hektische Panoramablicke lächerlich gemacht und folglich nichts verlernt habe. Der aus DDR-Zeiten hierher übernommene "grüne Pfeil" lässt mich Straßen vorzugsweise bei Rot (für Fußgänger) überqueren, weil das sicherer ist. Was von rechts und links herangebraust kommt, kann ich so besser überschauen als die Um-die-Ecke-Sauser in meiner Grün-Phase, die nämlich auch die ihre ist.

Endlich kann ich mich wieder am heiteren Handy-Klingel-Töne-Raten beteiligen. Und zwar flächendeckend überall und zu jeder Uhrzeit. War das nun ein Takt aus der Kleinen Nachtmusik, gefolgt von zweien aus "O du fröhliche"? Oder doch ein koreanisches Popmedley, kurz unterbrochen von den drei Tenören (oder fünf Tenören)? Aber nein, das Gegurgele ist ja bereits das Gespräch, für alle in adäquater Lautstärke zum Mithören und Anteilnehmen dargeboten. " Wèi, wèi, nĭ hào 喂喂你好 – sprich lauter, wer ist denn dran?" Und schon flötet und glockt und paukt es aus einer anderen Hand- oder Hosentasche. Ach, Musik ist doch etwas Schönes, und nichts ist allein deshalb gut, weil es in Maßen genossen wird!

Das Einsteigen in Bus und U-Bahn ersetzt mir wieder den täglichen Leistungssport, obwohl die Belastung (Ellenbogen und Fäuste) auf die Dauer wohl etwas einseitig ist. Aber auch Geschick wird verlangt, wenn man zu den acht Aussteigenden gehört, die sich gegen die dreisten zwölf gleichzeitig Einsteigenden durchsetzen wollen. Richtig Spaß macht das natürlich erst, wenn man reichlich mitschleppt. Ich habe es ohne eine größere Verpackungshilfe (Holzkiste, Drahtkorb) geschafft, einen Strauß von weißen Lilien (duftstark, ansonsten von eher zarter Konstitution) sowohl heil in einen vollbesetzten Bus hinein- als auch wieder hinauszutransportieren. Der Trick: Ich schwang mich zu voller Größe von 164 Zentimetern auf, hielt das Transportgut mit beiden Händen fest über den Kopf (Umfallen war eh nicht möglich) und schlängele mich durchs Gedränge Richtung Ausstieg, freundliches Kopfnicken nach rechts und links bei eventuellem Fehltritt nicht vergessen.

Die Schrift auf Straßenschildern und Werbeträgern entbehrt wieder ihrer Allgemeinverständlichkeit. Es macht mir Freude, wie im Vorschulalter auf Fotos und Zeichnungen zu achten, und zum Glück gibt es noch andere Wiedererkennungseffekte. Da hat sich eine große Getränkefirma für die Farbe Rot und die andere große Getränkefirma für die Farben Blau-Weiß auf ihren Cola-Flaschen entschieden. Allerdings werben beide mit recht gleich (ähnlich?) aussehenden 20jährigen Pop-Ikonen, die aus Film und Fernsehen bekannt sein sollen, so Ā Wèi (man erinnert sich: wir lernen Tandem-Englisch-Chinesisch). Wie ein Kind zeige ich auf die Flasche, die ich glaube haben zu wollen. Die kleine Sprachbehinderung ist hoffentlich vorübergehender Natur.

Und an die Stelle von deutschen schwarz-weißen Fussbällen und mit schwarz-weißen Fußbällen geschmückten unnützen Dingen wie Sammelbildchen und Schlüsselanhängern ist hier der farblich identische National-Pandabär gerückt. Der möchte nicht mit dem WM-Ball verwechselt werden (was nur im Falle des Berliner Fernsehturm-Schmuckes ausgeschlossen ist) und steuert daher weiter zielstrebig die Verwirklichung seines größten Wunsches an - ein Farbfoto von sich. Ansonsten ist alles schön bunt hier – endlich wieder daheim!

zai jian.
Wei aus Beijing.
2. Juni 2006

© Mimi Productions
秘密出品

In der Hocke

Mai-Spezial 2006.

In der Hocke.
China aus der Froschperspektive.





Der Polizist brüllt aus vollem Hals und hebt die Hand zum vernichtenden Schlag. Der Verbrecher hat schon verloren, er hockt zu Füßen des Gesetzeshüters und hält schützend die Arme über den Kopf. Die Kamera fährt zurück. In dem kleinen Raum befinden sich insgesamt fünf unglückliche Gestalten in ähnlicher Körperhaltung am Boden, wie kleine nasse Vögelchen, in Schach gehalten von einem einzigen, erhabenen Uniformierten (und dem Kameramann, der sich Mühe gibt, dass sein Schatten nicht auf die beeindruckende Szene fällt, Untertitel: "Unsere Polizei hat in der Provinz X im Dorf Y eine Bande von Geldfälschern festgesetzt, die unserem Volk einen Schaden von Z Renminbi zugefügt hat"). So gesehen auf dem täglich ausgestrahlten Polizeiprogramm von cctv 12 (China Central Television), dessen staatlich verordnete Aufgabe es ist, dem Volk das Rechtssystem so nah wie möglich zu bringen. (cctv hat insgesamt 17 Themen-Programmsender, die fast überall gesehen werden können: Nachrichten, englischsprachige Sendungen für Ausländer, Kinderprogramme, Serien und Filme, Neuigkeiten von der Armee und der Landbevölkerung, Sport und Unterhaltung. Daneben gibt es Regionalprogramme wie z.B. BTV [Beijing Television], die sich bis auf Staumeldungen und Wetterberichte nur unwesentlich unterscheiden. Werbung gibt es – erstaunlicherweise – auf allen zu sehen.)

Dass ich die Beijinger Bestuhlung bemerkenswert finde, habe ich schon ausführlich dargestellt. Eine in China fast noch häufigere Körperstellung als das Sitzen in der freien Natur ist das Hocken. Schon in zartem Kindesalter hocken die lieben Kleinen überall herum. Sie buddeln hockenderweise, trotzen den Eltern in dieser Haltung das zweite Eis ab und wachsen so langsam in das Alter hinein, in dem sie in dieser Körperstellung Zeitung lesen können. Das dazu erforderliche Wissen umfasst 2.000 Schriftzeichen, denn jedes Zeichen steht für einen Begriff bzw. ein Wort. (Ein Oberschüler sollte seine 4.000 Zeichen beherrschen, bevor er auf die Uni wechselt.) Auch die arbeitende Bevölkerung ist derart hockend tätig: beim Warten an der Bushaltestelle, in der Mittagspause vor dem Geschäft beim Suppelöffeln, beim Schach- und Kartenspiel (nur die Mahjongg-Anhänger kommen ohne Tisch nicht aus) und bei der Fahrradreparatur. Gewerbsmäßig hocken die Reparateure am Straßenrand mit ihren erstaunlichen Werkzeugen, ihren musealen Luftpumpen und der unerlässlichen Wasserschüssel zur Erprobung des Luftentweichungsgrades der Fahrradschläuche, Knie an Knie mit den Kunden, gemeinsam über den unbrauchbaren Drahtesel gebeugt. Oder sie hocken einfach so. Die ohne spezielle Aufgabe Hockenden platzieren sich leicht erhöht auf Mäuerchen und Böschungen und gucken aufmerksam in die Gegend, wobei sie damit etwas ungemein Erdmännchenhaftes haben. (Hinweis: Im Berliner Zoo am Kleinen Nachttierhaus kann man diese possierlichen Nager aus Afrika betrachten und wird sofort verstehen, was ich meine.)

Die für die Boulevardpresse interessante Toilettenfrage (warum gibt es keine Trennwände?) muss ich unbeantwortet lassen, aber auch auf öffentlichen Toiletten ist eine gewisse Hockfertigkeit von enormem Vorteil. Es wurde sogar berichtet, dass auf Toilettenbrillen der Air China-Maschinen Schuhsohlenabdrücke gefunden worden sind, weil eine Gewohnheit eben eine Gewohnheit ist, im Himmel wie auf Erden.

Zum Schluss noch eine kleine Geschichte. Sitzt ein Frosch am Grunde seines Brunnens und langweilt sich. Kommt ein Vogel geflogen und setzt sich auf den Brunnenrand: "Puh, war das anstrengend – zwei Tage bin ich am Himmel entlanggeflogen!" Sagt der Frosch: "Alles Blödsinn – so groß ist der Himmel doch nicht. Ich betrachte ihn, solange ich lebe – der füllt bloß die Brunnenöffnung aus, also exakt 1,69867 Quadratmeter." Moral von der Geschichte: Eine Dauer-Hockstellung ist zwar nicht lebensgefährdend, erzeugt aber profunde Bildungslücken bei ansonsten beeindruckendem Detailwissen.

zai jian.
Wei aus Beijing.
7. Mai 2006

© Mimi Productions
秘密出品

An die Sonne, an die Freiheit

Mai 2006.

An die Sonne, an die Freiheit.
Die Blumentopf-Jahreszeit beginnt.





Als ich am 17. April zur morgendlichen Grammatikstunde loszog, fand ich meinen Schulweg mit einem feinen, roten Staub überzogen. Ein heftiger Hustenanfall machte mir klar, dass meine Atmungsorgane mit ihrer Staubsaugerfunktion nicht einverstanden waren und ich gerade an und im eigenen Leib meinen ersten chinesischen Sandsturm (auf chinesisch heisst er korrekt "Sand-Staub-Sturm",shā chén bào 沙尘暴) erfahren hatte. Beijing verstaubt – das Fernsehen berichtete unentwegt. Aber schon einen Tag später hatten Schwärme von blaugewandeten, besenbewaffneten, feudel-schwingenden Putzmännern und –frauen die Stadt wieder entstaubt. Und nicht nur das: Zugleich mit dieser Säuberungsaktion war der Blumentopf aus dem Exil zurückgekehrt und hatte sich sein Territorium in der Stadt zurückerobert.

Meine erste nennenswerte Begenung mit einem chinesischen Blumentopf war eine Fernbeziehung von ca. 10 m Länge. Da sass ich bei meiner ersten China-Reise zu Schiff eingezwängt zwischen fülligen deutschen Touristen und hatte es langsam satt, ihren Reiseerlebnissen über ägyptische Pyramiden und Sonnenuntergänge am Äquator zu lauschen. Mein Blick wanderte über das trübe Wasser des Kaiserkanals und fiel auf ein langes, schmales Holzboot mit Tuck-Tuck-Außenbordmotor. Am Heck stand ein sehr kleines Mädchen, daneben ein noch viel kleinerer Hund. Das Mädchen bohrte sich intensiv in der Nase und guckte kritisch, der Hund guckte nicht ganz so kritisch und wedelte mit dem Schwanz. Neben dieser Idylle – die ich ansonsten vergessen hätte - stand ER, majestätisch aus blau-weißem Porzellan, dreimal so umfangreich wie kleines Mädchen und kleiner Hund zusammen, intensiv in der Sonne glänzend. Viel zu groß für das Boot und viel zu edel, eine erhabene Kostbarkeit, eine Perle auf dem Kartoffelacker und doch ein Mitglied der chinesischen Familie, auf das nicht und unter keinen Umständen verzichtet werden kann: der Blumentopf. Er barg eine rote Blume, so schön wie die des kleinen Prinzen, und zog langsam, langsam an mir vorbei.

Seitdem habe ich zu meiner Freude überall in China Blumentöpfe getroffen. Sie beleben große und kleine Schiffe, stehen in Reih und Glied vor dem Shaolin-Tempel, schmücken die Wandelgänge der Großen Halle des Volkes, weisen den Weg zur Ruhestätte des Großen Steuermannes, kuscheln sich leer und übereinandergestapelt durch den Winter und entzücken jetzt mit ihren bunten Ranunkelchen die Besucher im Botanischen Garten. Bunt kostümierte Kinder platzieren sich dazwischen, heben mit viel Gebrüll ihre Zeige- und Mittelfinger zum Sieges-V hoch und werden von begeisterten Vatis und Omis mit der Digikamera hundertfach abgelichtet. Die Töpfe überleben diese und andere Anstürme in erdverbundener Gelassenheit. Sie wissen: Ihre Umgebung und ihr Inhalt sind vergänglich, aber sie werden wieder und wieder geputzt, mit Leben gefüllt, geleert, gestapelt und Jahr um Jahr in den chinesischen Alltag integriert. In den Hutongs, den kleinen Gässchen in der Beijinger Altstadt, stehen sie jetzt in Scharen vor jeder Haustür: Die Blumentopf-Familie ist ein platzsparender Vorgarten-Ersatz.

Für Bildungsbeflissene: Der Baum-Winzling, den wir für eine japanische Eigenart halten, hat natürlich seinen Ursprung im Land der Mitte. Er heisst auf chinesisch "pén zāi" 盆栽: "pén" ist der Topf und "zāi" heisst pflanzen. Unschwer lässt sich die japanische Sprachvariante "bonsai" heraushören, die wir kennen und für die authentische halten. Der chinesische Begriff ist nämlich als Lehnwort ins Japanische übernommen worden, wurde dort weiter kultiviert und kam als Modeartikel mit Sushi, Sony und Manga in den Westen. Den Botanikern unter uns ist das chinesisch-japanische Kauderwelsch allerdings egal; Hauptsache, die Topfkreatur behält ihre Miniaturform. Denn ein Bonsai ist nicht etwa eine besonders klein gezüchtete Pflanze, sondern ein "normaler" Baum, der allein intensiver gärtnerischer Maniküre seine topfgerechte Größe verdankt.

zai jian.
Wei aus Beijing.
27. April 2006

© Mimi Productions
秘密出品

Schulalltag

April 2006.

Schulalltag.
Erstes Semester an der Bei Wai.





Die Beijinger Universität für Fremdsprachen, abgekürzt "Bĕi Waì" 北外 ("Bĕi" für "Beijing" und "Wài" für Fremdsprachen) ist die renommierteste Hochschule für das Erlernen von Sprachen in der Volksrepublik China. Hier können die 4.500 chinesischen Studenten zwischen 31 Fremdsprachen wählen (u.a. Albanisch, Bulgarisch, Burmesisch, Khmer, Polnisch und Singhalesisch) und die 500 Ausländer Chinesisch (vor allem Mandarin, d.h. Hochchinesisch) lernen. Die Uni beschäftigt 540 Dozenten/Professoren und hat - wie alles in China - eine "lange Geschichte", worauf die Chinesen stolz sind. Aber im Vergleich zu der sonstigen 4.000jährigen Geschichte ist die Bei Wai quasi ein Kleinstkind. Sie wurde 1941 zur sprachlichen Ausbildung der Diplomaten noch in Yan'an, dem Hauptsitz der Kommunistischen Partei in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, gegründet und kurz nach Gründung der Volksrepublik 1949 in die Hauptstadt verlegt.

Das didaktische Konzept ist für westliche Menschen wie mich allerdings reichlich gewöhnungsbedürftig. Der Lehrer liest vor, die Klasse wiederholt, bis die Bücher zugeklappt werden und der für mich schwierigste Part beginnt: das auswendige Aufsagen. Wer mit katholischen Riten vertraut ist, dem wird das Vorsprechen und Nachbeten kaum Probleme bereiten, wenn es auch manchmal unerwünschte Nebenwirkungen produziert. Ist erst einmal der Akzent des Lehrers fest verankert (und ich bin heilfroh, dass mein Lehrer aus Beijing und nicht Guangzhou kommt), gibt es kein Zurück mehr. Das Lokalkolorit bleibt erhalten bis zum Löschen der gesamten Festplatte, i.e. bis zur Einäscherung. Ich werde also niemandem sagen müssen, wo ich meine wunderbare Aussprache gelernt habe – in der Hauptstadt natürlich, die berüchtigt dafür ist, an alles mögliche ein amerikanisch gerrrrolltes R anzuhängen. (Exkurs: Es sind die Japaner, die kein R sprechen können!)

Natürlich probiere ich mein Chinesisch nach dem Unterricht gezielt an Freiwilligen aus. Mein Lernpartner ist 18 und hat den schönen Namen "Ā Wèi" 阿维, was soviel heisst wie "A der Bewahrende". Bei mir bewahrt er in erster Linie die Contenance. So zuckt er mit keiner Wimper, wenn ich aus einer "Frage" 问 (wèn, 4. Ton) einen "Kuss" 吻 (wĕn, 3. Ton) mache. Aber er lässt mir den faux pas nicht durchgehen. Und so sitze ich denn da und wiederhole ein "wen" in allen Tonlagen, bis mein jugendlicher Nachhilfelehrer zufrieden mit mir ist. Er weiss auch, dass ich mich notfalls an ihm rächen kann – denn nach einer Stunde Chinesisch bastele ich an seiner englischen Aussprache herum. (Die übrigens – inklusive der leichten amerikanischen Färbung – ziemlich passabel ist. Der arme Kerl muss sein Lehrbuch über englische, irische und amerikanische Geschichte und Kultur auswendig lernen – ja ehrlich, einfach mal so 500 Seiten!)

Schreiben ist nicht unbedingt einfacher für mich. Besonders quälend finde ich "Schreiben nach Diktat". Während ich noch über die ersten Wörter nachdenke (war da nun ein Wasserradikal drin oder ein Herzradikal? und wo kommt der Punkt und wo der Querstrich hin?), ist der zweite Satz von meinen japanischen Mitschülern schon aufs Papier gemalt. Auch bei A Wei geht ohne Schreiben rein gar nix. Eine nur kurze Frage meinerseits erzeugt ein eifriges Gekritzel seinerseits. So erhielt ich von ihm auf eine dahingeworfene Bemerkung über die Bedeutung der chinesischen Geschichte (sehr, sehr wichtig!) flächendeckend alle Dynastien bis zum Ende des chinesischen Kaiserreiches 1911 und sämtliche Feiertage der Volksrepublik (auch solche, die aus politischen Gründen nicht mehr "so" gefeiert werden wie z.B. Maos Geburtstag) auf einem DINA A7-Zettel (beidseitig beschrieben). Leider hatte A Wei in seiner Begeisterung vergessen, den Bleistift während des Schreibanfalls anzuspitzen. Ich bin daher nicht mehr so sicher, ob ich die Westliche Han-Dynastie (206 v.Chr. – 24 n.Chr.) und die Östliche Han-Dynastie (25 – 220 n.Chr.) auf dem Zettelchen werde unterscheiden können. Aber ein Kunstwerk ist es allemal!

zai jian.
Wei aus Beijing.
2. April 2006

© Mimi Productions
秘密出

Sitzmöbel im Frühling

März 2006

März-Spezial.
Sitzmöbel im Frühling.





Im Winter standen sie bloß herum und erweckten meine generelle Neugier. Ich dachte, es handele sich bei den einsam frierenden Sitzmöbeln um ausrangierte Mitbewohner, die von ihren finanziell erstarkten Eigentümern durch modische Sitzgelegenheiten des schwedischen Einrichters ersetzt worden seien. Dem ist aber nicht so. (Exkurs: Das Elch-Möbelhaus heißt hier in phonetischer Adaption "Yí Jiā Jiā Jū" 宜家家居, übersetzt: "Passendes-Wohnen-Wohnhaus". Das einzige Zugeständnis, das die kleveren Skandinavier ihrem Gastgeberland machen, ist ein kleines Regal mit bunten Ess-Stäbchen aus Plastik - neben rostfreien Edelstahl-Messer-Gabel-Löffeln. Ansonsten ist alles wie immer bei IKEA.)

Dass die Freiland-Stühle eine wichtige stadtplanerische und soziale Funktion erfüllen, konnte ich jetzt in der Frühlingssonne studieren und mit eigenen positiven Erfahrungen untersetzen. Zum einen verlaufe ich mich hinter dem Bahnhof Xīzhīmen西直门auf dem Heimweg nie wieder – ich muss einfach bei dem schwarzen Esszimmerstuhl mit blauem Bezug links abbiegen. Zum andern kann ich mir endlich die etwas zu engen, aber schön-genug-billigen Schuhe kaufen, denn an jeder Straßenecke lässt sich auf einem herumstehenden Sesselchen eine Pause für die Blasen einlegen.

Der Straßen-Stuhl an sich ist mir inzwischen ein dankbares Studienobjekt geworden und hat meine Fotosammlung "Beijings Flora und Fauna" um eine weitere Spezies (wenn auch eine – hoffentlich! - weder aussterbende noch allzu seltene) erweitert. Ich zähle zu meinen Sammelobjekten die folgenden Freiland-Schönheiten:
- das oben erwähnte schwarz lackierte Modell (an farblich passender blauer Stahltür), das mir so gute Dienste bei der Orientierung leistet,
- ein schlankes Holzgestell aus der Sammlung "Kleiner Wachsoldat" (es steht neben dem Eingang zu meiner Uni, aber noch nie konnte ich einen Uniformierten bei einer Ruhepause darauf ertappen),
- ein spilleriger Bürodrehstuhl auf drei Rollen und einem Krüppelfüßchen, abgestellt in einem Vorgarten (wahrscheinlich ist er gerade vom Dienst freigestellt wie ich, gesundheitlich aber erheblich schlechter beisammen),
- eine Familienidylle, bestehend aus sechs verschieden großen Holzsitzmöbeln in kunstvoller Verschränkung (entdeckt unter einer Teppichstange auf meinem Campus, neben einem lebensgroßen Hirsch aus Pappmaché),
- eine plüschige Wohnlandschaft inklusive Chaiselongue (!) mit rotem Designer-Bezug "Sonne, Mond und Sterne",
- ein Höckerchen für Kleinstkinder und Zwerghunde, frühes 21. Jahrhundert, von seinen Verwandten (siehe oben) getrennt und irgendwie unglücklich wirkend.
Und So Weiter.

Das Tolle an den Beijinger Sitzmöbeln ist aber, dass sie nicht einfach herumstehen. Sie nehmen am Leben teil und bieten dem Beijinger in seiner beschränkten Wohnmöglichkeit eine räumliche Extension, die für den kontaktfreudigen Stadtmenschen von größter Nützlichkeit ist. Da ist zum Beispiel der rote Samtsessel, Modell "Präsident", an der kleinen Tankstelle. Wenn der immer fröhlich pfeifende Tankwart mal keine Kundschaft hat, knallt er sich – natürlich mit Zigarette – aufs rote Polster. Es vergehen kaum zwei Minuten, da gesellt sich schon der Nachbar dazu (schließlich hat der Sessel eine Sitzfläche für einen europäischen Hintern und somit genug Platz für zwei kleinere asiatische Ausgaben). Nach weiteren fünf Minuten tauchen drei Zugucker auf, die sich drumherum stellen: Wer sitzt, spielt Schach; und wer steht, ist Kiebitz.

In den 60er Jahren war die "Möblierung der Städte" ein emotionsgeladenes westdeutsches Stadtplaner-Thema. In Beijing wird nicht darüber diskutiert, sondern fröhlich auf der Straße gelebt. Das macht jetzt um so mehr Freude, je mehr die Sonne herauskommt. Über die Frühjahrssandstürme berichte ich später.

zai jian.
Wei aus Beijing.
14. März 2006

© Mimi Productions
秘密出品

Nicht nur zur Frühjahrszeit

März 2006

Nicht nur zur Frühjahrszeit.
Eine Stadt im Putzrausch.





Bevor er mir zu Augen kommt, kann ich ihn bereits hören: Jeden Morgen gegen 7.00 Uhr macht es "plitsch-platsch-wutsch" an meiner Tür. Dann weiss ich: aha – die morgendliche Putztruppe ist wieder ausgeschwärmt und zieht kilometerlange nasse Streifen durchs Haus, erst dicht an der Wand, dann hinüber und herüber, ohne Atempause. Dass das Ding mal ausgespült wird, ist mir zwar noch nicht zu Augen gekommen, wohl aber nicht völlig ausgeschlossen. Wichtig ist ja nur die feuchte Spur als Beweis erfolgter Sauberkeitsbemühung. Der Feudel am Stil (so eine Art Wischbesen) ist Beijings liebstes Innenraum-Putzinstrument und folglich nicht nur in meinem Studentenwohnheim, sondern in der gesamten Hauptstadt pausenlos im Einsatz.

Am Feudel kommt hier niemand vorbei. Und es ist gut, ein paar Sätze der Feudelsprache zu verstehen. Wenn der Feudel in der Toilette des Museums ganz plötzlich einen Einsatz hat, ist das einfach nett gemeint und will sagen: Wir wollen, dass du dich auch hier wohl fühlst – vor dem Ausrutschen bewahrt dich ja ein Schild (an der Wand steht in großen chinesischen Schriftzeichen gut lesbar für den, der's lesen kann: "nasser Fußboden"). Wird einem kurz nach 13.00 Uhr in einem Restaurant um den Stuhl herum gefeudelt, heißt das: Wir sind ein staatlich geführtes Unternehmen - nicht aufessen, sondern aufstehen und gehen – Mittagspause, Personal schließt jetzt. Feudelt es einem vor den Füßen herum in einem der neuen schönen Geschäfte, wird damit angedeutet: Hey du Ausländer/in, guck dir mal deine staubigen Schuhe an, wir sind hier ein Geschäft für die nouveaux riches UNSERES Landes – und DU gehörst offenbar nicht dazu ...

Der Feudel an sich ist ein ganz passabler Geselle. Ich habe ihn auch schon bei Freizeitaktivitäten ertappt, wenn er sich in jeder erdenklichen Stellung an die Wand lehnte, tiefgefroren über dem Gartenzaun hing oder sich im Hauseingang von der Frühjahrssonne lieblich erwärmen ließ. Meistens aber ist er fleißig und sogar zum Autowaschen – eher wohl: Autowischen – zu gebrauchen. Dabei erfordert das wegen seines langen Stiels fast gymnastische Übungen des Putzpersonals. Wer bei Jet Li den korrekten Hüftschwung gelernt hat, wird auch mit der Motorhaube eines BMW-"Edelrosses" (auf chinesisch: băo mā 宝马- "Schatz-Pferd" – eine akustische Annäherung an die deutsche Aussprache) wischtechnisch erfolgreich sein. Ich hatte das Vergnügen, einem Jet Li-Lanzenkampf-Double bei der Arbeit zuzuschauen. Der tauchte den Feudel nach jedem Wagen-Kontakt sekundenschnell in den Eimer: "Schon der erste Stoß ist tödlich!"

Auch mitten in den Abrissvierteln der Altstadt ist er da, der Feudel, der hier – sollte man meinen – nichts mehr zu wischen hat, weil nichts Bewohnbares mehr da ist. Aber vielleicht ist er ja gar nicht übrig geblieben, sondern bereits schon da, als Erster, in Erwartung seines neuen Arbeitsplatzes.

Übrigens: Was der Feudel für die rauminnere Sauberkeit tut, erledigt der Reisigbesen auf der Straße. Dass die beiden sich gut verstehen und Genossen im chinesischen Wortsinne sind ("tóng zhì" 同志 = "gleiches Ideal"), erkennt man daran, dass sie nach getaner Arbeit Schulter an Schulter bzw. Lappen an Ästchen an Zaun und Mauer lehnen. Ich habe solch junges Glück vielfach fotografiert: Dank dieser reinlichen Harmonie wird die Kampagne "Sauberes Beijing für ein humanes Olympia 2008" bereits jetzt putztechnisch überplanmäßig erfüllt.

zai jian.
Wei aus Beijing.
22. Februar 2006

© Mimi Productions
秘密出品

Auf den Hund gekommen

Februar 2006

Auf den Hund gekommen.
Tierfreundliche Beobachtungen.





Endlich kann sich das Huhn wieder dem Eierlegen widmen und der Hahn auf seinen Misthaufen zurückkehren. Denn ab sofort fällt die Aufgabe des Jahreswerbeträgertieres dem Hund zu. Am 29. Januar 2006 begann in China mit dem Frühlingsfest das Jahr des Hundes. Jetzt wird gebellt und nicht mehr gegackert.

Wenn ich an "Hund" denke, habe ich ein Exemplar "deutscher Polizei-Schäferhund" vor dem inneren Auge. Es erübrigt sich, an dieser Stelle auf meine Hundefreundschaften einzugehen. Jedenfalls konnte ich heute bei einem Spaziergang am Zoo das bewundern, was ein Hunde-Ideal für den Chinesen ist. Da stehen am Eingang des ältesten chinesischen Tierparks (von1879) rechts und links zwei "Figurengruppen" (könnte man sagen), ca. zwei Meter hoch und aus dezent-buntem Plastik: die Inkarnation der chinesischen Hundefamilie, Papa, Mama und zwei lütte Pekinesen. Jawohl, wer hätte das gedacht – die kleinen Plattnasen mit mehr oder weniger Lockenhaar sind derzeit absolut trendy, vorzugsweise in Wollweiß oder Braun-Weiß-Scheckig. Die Zoo-Kunststoff-Skulpturen von mäßiger Kunstfertigkeit werden eifrig für Menschenfamilien-Fotos genutzt: "Liebe Tante, hier ein Foto von uns bei unserem Hauptstadtbesuch, diesmal nicht auf der chinesischen Mauer, sondern ..."

Dass der Peking-Mensch dem Berliner (bzw. Brandenburger) in seiner Hundeliebe in nichts nachsteht, fiel mir sogleich auf, nachdem ich mein Domizil im Studentenwohnheim bezogen hatte. Dort pfiff der Nordwind so heftig durch die Fenster, dass ich mich mit einem breiten Klebeband bewaffnet auf den klapprigen Schreibtischstuhl begab und an den Scheiben zu schaffen machte. Vom Stuhl aus gewährte mir das Zimmerchen im 4. Stock einen hübschen Ausblick auf eine Mini-Rasenanlage, die – wie ich bald bemerkte - sowohl von älteren Herrschaften für Taiji-Übungen als auch von noch älteren Herrschaften zum Hundeauslauf genutzt wird. Die allseits bekannte chinesische Harmoniebedürftigkeit scheint sich auf die Vierbeiner übertragen zu haben, denn sportlernde Senioren und gassigehende Mensch-Tier-Gespanne kommen sich nicht in die Quere.

Was ich allerdings viel erstaunlicher finde als die friedliche Koexistenz von Mensch und Tier, ist die sich mir darbietende Hundemode: Nicht nur "angezogen", sondern "fesch angezogen" ist der Hund. Wie gesagt, sind wollweißen Vierbeiner hoch im Kurs. Und zu weiß passt ja bunt ganz ausgezeichnet. Was trägt also der modische Hund zur Zeit? Strampelanzug in Rot-Grün-Blau-Gelb, gern auch seitlich geknöpft und von Mutti handgestrickt. Im Dezember konnte ich auch das Modell "Weihnachtsmann" (mit Bommelmütze!) erspähen. Es gelang mir sogar vor kurzem, denselben Hund in seinem roten Anzug zu fotografieren, leider war die Mütze da schon verlustig gegangen. Wie die Kleinkinder hat auch der Wauwi "hinten" einen Schlitz im Kleid. "Schnellschuss-Hose" heißt das, und es ist absolut wörtlich zu verstehen.

Ansonsten ist der hiesige Hund total friedlich. Er soll dem chinesischen Mond-Jahr (29. Januar 2006 bis 17. Februar 2007) mit seinen guten Eigenschaften viel Glück bringen, denn er ist verantwortungsbewusst, aufmerksam und sehr geduldig. Allerdings zeichnet er sich auch durch einen Hang zur Freigiebigkeit aus. Ich will bloß hoffen, dass er dabei nicht auf meinen Geldbeutel spekuliert.

zai jian.
Wei aus Beijing.
21. Januar 2006

© Mimi Productions
秘密出品

Lang - länger - am längsten

Januar 2006

Lang – länger – am längsten.
Die Nudeln des Lebens.





Die Mama meiner chinesischen Freundin hatte Geburtstag. Der wurde mit einem kleinen Festmahl gefeiert – und natürlich gab's zum Nachtisch eine Geburtstagstorte, denn die wird auch hier mit großer Freude und gleichzeitig sorgenvollem Blick auf die Hüftpartie verspeist. Und sie sah so ungesund rosa und himmelblau und sahneweiß aus wie ihre amerikanischen Schwestern. Die richtige chinesische Festtagsspeise gefiel mir viel besser, obwohl auch sie kalorienmäßig in der Rangordnung ganz oben liegt: die Lange-Leben-Nudeln.

Die Länge der Nudel versinnbildlicht die Länge des Lebens. Je länger die Nudel, umso länger das Leben – bildlich gesprochen. Deshalb ist sie die optimale Speise für jeden, der schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat und sich noch viele, viele dazu wünscht. Abgesehen davon, dass es eine Kunst ist, das Nudelgewirr auf die Stäbchen zu hieven und dann fettfleckenfrei zu verspeisen - es ist eine mindestens ebenbürtige Fertigkeit, eine Teigmasse in lange, dünne ... na – eben Nudeln zu verwandeln. Die köstlichen langen Nudeln kommen auch auf den Tisch, wenn gerade kein Geburtstag zu feiern ist.

In der Mensa guckte ich mir heute eine solche Fertigungsvorstellung an. Hinter der Essensausgabe walteten drei Nudelkünstler ihres Amtes. Selbstvergessen und sich offenbar ihrer beneidenswerten Fähigkeiten nicht bewusst, kneteten sie den Teig, teilten ihn in brotlaibgroße Partien, kneteten noch einmal – und dann zogen und zogen sie, teilten und teilten wieder, wirbelten die länger gewordenen Teiglaibe wie Springseile herum, teilten und teilten wieder – und ratzbatz, schneller als die Heinzelmännchen von Köln je hätten gucken können, verschwanden die langen Rohlinge in den riesigen Kesseln. Ich sagte es ja schon – es ist eine wahre Kunst. Und ob sie mit rechten Dingen zugeht, weiß ich nicht – schließlich bin ich in China.

Diese Nudeln heißen übrigens "lā miàn" 拉面", was soviel wie "gezogenes Weizenmehl" bedeutet. Eine recht akurate Bezeichnung, finde ich. Wenn man "la" nicht richtig, also nicht im ersten Ton ausspricht, sondern versehentlich im vierten, dem sogenannten "fallenden Ton", bedeutet "là" sowohl "übellaunig" 剌 als auch "scharf" 辣. Da die Nudel an sich ein überaus gutmütiger Geselle ist und kaum als unliebenswürdig bezeichnet werden kann, bekommt man sie bei der Bestellung in "la-vierter Ton" in sehr scharfer Sauce serviert. Auch sehr lecker – aber aufgepasst, wenn man kein Chili-Liebhaber ist.

Wie die Mensa-Nudeln so waren auch die Geburtstagsnudeln bei meiner Freundin hausgemacht. Allerdings wurde bei ihr die Nudelkunst maschinell unterstützt – von einer Nudelmaschine der Marke "Mercato" aus ... ja, aus dem Pastaland Italien! Mit "Mercato" lassen sich zwei Sorten nudeln: die zierlichere, die wir nach alter Rechtschreibung "Spaghettini" nennen, und ihre fülligere Verwandte, nach neuer Rechtschreibung als "Spagetti" tituliert. Ich erspare uns den an dieser Stelle fälligen Exkurs über die deutsche Rechtschreibreform und nerve Sie auch nicht mit dem noch unentschiedenen Wissenschaftlerstreit, ob die Nudel von Marco Polo im Reisegepäck nach Italien eingeschleppt worden ist oder ob sie die findigen Italienier selbst – lange vor ihrer "Mercato"-Maschine - entwickelten.

Für den ersten Monat im neuen Jahr wünsche ich Ihnen die besten und längsten Spaghetti, die in Potsdam aufzutreiben sind – der Rest wird sich finden.

zai jian.
Wei aus Beijing.

© Mimi Productions
秘密出品

Vom Rückwärtsgehen

Dezember 2005

Vom Rückwärtsgehen.
Erste Eindrücke aus dem seit 50 Jahren kältesten Dezember-Beijing.





Mit acht Grad unter Null – oder wie die Chinesen sagen: unter null acht Grad – hatte ich bei meiner Ankunft nicht gerechnet. Aber Winter ist Winter, und dass meine langen Unterhosen im Koffer verstaut waren, interessierte hier niemand. Abgeholt werden, das war jedenfalls prima. Auch wenn der Flieger eine Stunde Verspätung hatte. Auch wenn meine Freundin sich beim Warten auf eine Krücke stützen musste (nachdem ein Motorrad sie überrollt hatte – „aber hab’ keine Sorge, nicht so schlimm“, hatte sie mir beruhigend vor meiner Abreise gesagt). Also saß ich dann schließlich in einem überheizten Auto, das mich direkt zur Uni bringen sollte, um dort … ja was eigentlich? Eben hatte ich noch leicht übermüdet von der sehr angenehmen Herreise erzählt, als plötzlich das Auto anhielt und meine chinesische Familie aus dem Auto stürzte, das mit laufendem Motor mitten auf der Straße stand. Aha, registrierte ich wegen der ums Auto herumkurvenden zahlreichen jungen Menschen, an der Uni angekommen. Meine Familie wusste ebenso wenig wie ich, wo ich hier eigentlich hingehörte. Und deshalb rannten sie in die verschiedenen Himmelsrichtungen, um jemanden einzufangen, der sich hier auskannte. Suchwort: „weißes Gebäude“ (bái lóu 白楼) – dort hatte ich mich (ohne es so richtig zu wissen) eingemietet.

Nicht zur Auskunft zu bewegen war eine besonders dick eingemummelte Dame, die – mit leicht rudernden Armen, ansonsten aber überaus sicheren Schrittes – langsam, doch unaufhaltsam rückwärts an unserem Auto vorbeirollte. Wie ein kleiner Panzer in rosa Plüschkaputze strebte sie dem Ausgangstor zu, das sie wegen ihrer umgekehrten Laufrichtung zwar nicht sehen, sicherlich jedoch nicht verpassen würde. Während meine Familie also ausgeschwärmt war, um andere nach dem Weg für mich zu fragen, hatte ich eine kleine Verschnaufpause, um mir über das Rückwärtsgehen eigene Gedanken zu machen. Ich werde solche Verkehrtherum-Geher noch häufig treffen, denn sie bewegen sich überaus gesund: Nach dem chinesischen Prinzip des Erreichens von Vollkommenheit durch Zusammenfügung von Gegensätzen, die sich zur Ganzheit verbinden (Yīn-Yáng, 阴阳), ist es der Gesundheit sehr zuträglich, nicht nur vorwärts, sondern zum Ausgleich auch einmal rückwärts zu gehen. Hierbei sei an das Telefonkabel erinnert, das sich über die Zeit entsetzlich verknuddelt hat und nur wieder glücklich-geschmeidig wird, wenn man den Telefonhörer einfach einmal baumeln lässt – denn dann findet langsam, langsam die Linksdrehung zurück zur Rechtsdrehung und schließlich in den Zustand temporären Friedens … alles wieder im Lot.

Der Schritt an die Uni ist für mich allerdings nur ein scheinbarer Schritt rückwärts, in jedem Fall einer zu mehr Ganzheit. Darüber demnächst mehr.

zài jiàn 再见 (auf Wiedersehen).
Wèi 魏(so heiße ich hier) aus Bĕijīng 北京.

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